Kennen Sie Metz an der französischen Mosel? Von Perl an der Grenze sind es nur 45 Kilometer bis zum Geheimtipp unter Frankreichs schönen Städten. Entlang der Route trifft man auf Burgen, militärische Bollwerke und einen großen Europäer.
Bonjour, Moselle! In Perl liegt die letzte Station der Mosel auf deutschem Boden. Durch eine Brücke ist die saarländische Gemeinde mit Schengen in Luxemburg verbunden. Wer ein Stückchen weiter flussaufwärts reist, landet in Frankreichs ehemaligen Kohle- und Stahlrevier Lothringen – oder besser: Lorraine, wie die Landsleute sagen.
Doch das ist eine ganze Weile her. Schon 2004 knipste der letzte Bergmann hinter sich das Licht aus und dort wo Hochöfen brannten, ist es inzwischen oft still. Trotzdem zählt die französische Mosel hierzulande immer noch zu den großen Unbekannten. Terra incognita – mitten in Europa.
Frankreich ist zwar eines der Lieblings-Ferienländer der Deutschen. Aber alle Welt reist nach Paris oder Straßburg, kaum jemand fährt nach Metz im Nordosten des Landes. Dabei bietet die attraktive Stadt ein sehenswertes Sammelsurium aus Bürgerhäusern, Gärten, einer bemerkenswerten Kathedrale und alten Brücken, das von Mosel und Seille umflossen wird. Darum: Auf nach Metz. Unterwegs gibt es einiges zu sehen.
Mittelalter im Dreiländereck
Von Perl ist es nur noch ein Katzensprung bis ins Heimatland der Mosel. Früher stellte sich Reisenden im Örtchen Apach mitten auf der Straße ein Grenzhäuschen in den Weg. Heute erinnert am Ortseingang nur noch der Mini-Eiffelturm daran, dass man sich jetzt in Frankreich befindet. Von nun an weisen Ortsschilder mit dem Zusatz sur-Moselle darauf hin, dass die Ortschaft in Flussnähe liegt.
Nach Apach folgt Sierck-les-Bains – neben Schengen und Perl eines der Haupt-Dörfer im Dreiländereck. Der französische Moselort im Schatten einer mächtigen Festung hat offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen, doch allein die Aussicht von der Burg aufs Moseltal zieht viele Ausflügler an.
Wer es einrichten kann, legt seinen Ausflug auf den 24.Juni. Denn am Johannistag veranstaltet Sierck-les-Bains gemeinsam mit Contz-les-Bains ein gigantisches Volksfest. Man könnte meinen, ganz Lothringen sei auf den Beinen, um das Lichterspektakel mitzuerleben. Dabei lassen junge Männer ein brennendes Holzrad den Hügel hinab in Richtung Mosel rollen. Gelangt es bis in Fluss, verheißt es angeblich eine gute Ernte.
Mehr altes Gemäuer gesucht? Bitte schön. Nur ein paar Kilometer entfernt kann mit dem vorbildlich sanierten Château de Malbrouck ein Stück bestens erhaltenes Mittelalter besichtigt werden. Auch das mittelalterliche Rodemack, genannt „das kleinen Carcassonne”, lohnt allemal einen Abstecher zu unseren französischen Nachbarn.
Umkämpfte Region Dreiländereck
Dort wo Deutschland, Frankreich und Luxemburg aufeinander treffen, erscheinen Ausflüge diesseits und jenseits der Grenzen selbstverständlich zu sein. Das sind sie aber ganz und gar nicht. Denn über Jahrhunderte hinweg bestimmten deutsch-französische Konflikte das Schicksal der Menschen in der umkämpften Region. 2.460 Tote aus jener Zeit ruhen auf dem Friedhof in Perl-Besch.
Im Zweiten Weltkrieg zog sich hier auf der einen Seite der Mosel der Westwall der Deutschen entlang und auf der anderen Seite die Maginot-Linie der Franzosen. Namensgeber war der damalige Kriegsminister André Maginot. Einige der Festungsanlagen wurden zu Museen umfunktioniert. Etwa das Fort Michelsberg (französisch: Ouvrage Michelsberg), gut 20 Autominuten von Perl entfernt, wo 30 Meter unter der Erde Gänge viele Hallen, Kasernen und Lagerräume zu einer Stadt verbinden.
Zweieinhalb Stunden dauert die Tour durch das Fort Hackenberg (Französisch: Ouvrage du Hackenberg), das größte Bollwerk der französischen Verteidigungslinie. Die unterirdische Festung mit insgesamt über zehn Kilometer langen Tunneln ist gigantisch. Sie bot Platz für mehr als 1000 Soldaten und verfügte über ein eigenes Bahnsystem. Heute werden damit Besuchsgruppen zu den Kampfständen gefahren. Einblicke in den Maschinenraum, die Küche, das Hospital und ein kleines Militärmuseum sind Bestandteil einer (auch deutschsprachigen) Führung.
Geheimtipp Metz an der französischen Mosel
Inzwischen ist fast vergessen, dass Deutsche und Franzosen sich lange als Erzfeinde gegenüber standen. In Metz ist die Geschichte allgegenwärtig. Ein erster Hingucker ist der Bahnhof in wilhelminischer Pracht. 1908 wurde er eröffnet, erbaut unter Kaiser Wilhelm zwo. Zweimal war er deutsch (1871 bis 1918 und 1940 bis 1944), zweimal – und bis heute – französisch.
Die Fassade mit ihren vielen Reliefs und Skulpturen gleicht einem Wimmelbild: Szenen aus der germanischen Mythologie sind zu sehen, aber auch Transportmittel, Abbildungen von Reisenden oder Bahnhofspersonal. Mittendrin hat sich der Architekt Jürgen Kröger verewigt. Am Bau der Turmuhr soll der Kaiser persönlich beteiligt gewesen sein.
Das gesamte Quartier Impérial, das Kaiserviertel, ist von dem opulenten Baustil geprägt – doch auch heute noch entstehen in Metz architektonische Meisterwerke: Etwa der Tempel der zeitgenössischen Kunst Centre Pompidou-Metz, dessen Dachkonstruktion an ein Zelt, vielleicht aber auch an einen großen, weißen Pilz erinnert. Der Kontrast zum nur ein paar Flanierminuten entfernten Kaiserviertel ist genial.
Doch kaum ein anderes Bauwerk in Metz wird so häufig fotografiert wie der Temple Neuf, denn die pittoreske Kirche steht an der Spitze der Insel Petit-Saulcy in der Mosel. Dahinter versteckt sich ein kleiner Garten namens Jardin D’Amour. Und mit der Opéra-Théâtre de Metz, dem älteste Opernhaus in Frankreich, trägt die Insel ein weiteres prominentes Gebäude. Tipp: Den schönsten Blick auf das Ensemble bietet die Brücke Moyen Pont.
Sehenswertes in der Altstadt von Metz
Trutzig wie eine kleine Burg liegt das Deutsche Tor, (Porte des Allemands) am ehemaligen östlichen Stadteingang. Das Überbleibsel aus der fränkischen Zeit hat als einziges von 17 Stadttoren in Metz die Jahrhunderte überstanden.
Über allem thront die über 800 Jahre alte Kathedrale St. Etienne, die zu den größten gotischen Kirchengebäuden Europas zählt. 1220 wurde der Grundstein gelegt. An sich wäre schon das 42 Meter hohe Gewölbe Sensation genug, wären da nicht diese Fenster, die es auf stolze 6500 Quadratmeter Glasfläche bringen – „Laterne Gottes” wird die Bischofskirche deshalb genannt.
Bedeutender Künstler aus dem 13. bis zum 20. Jahrhundert haben sich an deren Gestaltung gewagt. Der berühmteste von ihnen war Marc Chagall. Auch Herman de Munster, Théobald de Lixheim und Valentin Bousch verewigten sich mit leuchtenden Farben und jüngst mit der südkoreanischen Künstlerin Kimsooja erstmals eine Frau.
Die Kathedrale, auch Stephansdom genannt, steht auf dem Hügel Sainte Croix, dem Zentrum und ältesten Teil von Metz. Die mittelalterliche Altstadt ist durchzogen von charmanten Gassen, die meisten Straßen sind Fußgängerzonen. Weinläden, nostalgische Fachgeschäfte und Boutiquen reihen sich aneinander.
Museum Cour d’Or überrascht
Halb Metz trifft sich ab mittags auf dem Place St. Jacques, bevölkert von Restaurants und Cafés mit Terrassen. Ein weiterer Magnet in der Altstadt ist der Place Saint-Louis, der im 13. Jahrhundert noch Place de Change hieß. Denn wo man heute Euros gegen Kaffee tauscht, wechselte man damals französische, deutsche oder österreichische Währungen, um bei den Händlern kaufen zu können.
Auch das Museum Cour d’Or mit Ausstellungsstücken zur Stadtgeschichte befindet sich auf dem Hügel. Wer dabei an an ödes Heimatmuseum denkt, liegt falsch. Denn gezeigt werden Exponate von der Römerzeit bis zur Renaissance – dazu gehören die Reste einer ehemaligen römischen Therme, die man in der Nähe fand. Allein das Museumsgebäude, ein ehemaliges Kloster, ist eine Sehenswürdigkeit. Der Eintritt ist frei.
Über die Rue des Jardins geht es von der Mosel in sanfter Steigung zur Kathedrale hinauf. Rund 50 Geschäfte säumen die nur 200 Meter langen Straße. Darunter keine einzige Kette stattdessen originelle Läden, die man so nicht überall findet.
Der Drache Graoully, auf den man immer wieder trifft – etwa in der rue Taison, der quirligen Fußgängerzone – ist das Sinnbild des Heidentum. Seit der heilige Clemens, der erste Bischof von Metz, das Ungetüm im 3. Jahrhundert aus der Stadt vertrieben hat, herrscht dort das Christentum. So die Legende.
Mirabellen im Bauch von Metz
Pflichtetappe einer Metz-Tour ist natürlich auch die historische Markthalle, der Marché Couvert, direkt neben der Kathedrale. Im Bauch der Stadt gibt es ein Füllhorn regionaler Köstlichkeiten. Die Stände erfüllen fast jeden Wunsch in Bezug auf französischen Käse, Pasteten oder Wurst wie die luftgetrocknete Fuseau lorrain. Man wähnt sich im Schlaraffenland.
Und überall diese kleinen gelben Früchten! Die Mirabelle ist die lothringischen Spezialität schlechthin – rund 70 Prozent der weltweiten Ernte stammen aus den Gärten rund um Metz. Man begegnet ihr als Saft und Likör, in Torten und Plätzchen, als Bonbons und Konfitüren oder destilliert zu Eau de Mirabelle, Mirabellenbrand. Immer im August feiert Metz das Mirabellenfest.
Die berühmte Quiche Lorraine schmeckt in ihrem Heimatland wohl immer noch am besten – zum Beispiel bei Chez Mauricette, etwa in der Mitte der U-förmigen Halle. Den Wein kann man sich gleich dazu besorgen.
Etwa den Gris de Toul, ein sehr heller Rosé. Ein schönes Souvenir, denn das Weinbaugebiet der französische Mosel ist deutlich weniger bekannt als die deutschen Mosel. Das liegt vielleicht auch daran, dass man die Reben bei Metz und Sierck-les-Bains oder in der Côtes de Toul regelrecht suchen muss.
Bei Robert Schuman in Scy-Chazelles
Es wäre schade, wieder nach Hause zu fahren, ohne zuvor im nahen Scy-Chazelles das lothringische Zuhause von Robert Schuman besucht zu haben. Denn das Landhaus ist heute ein Museum, in dem man den Geist Europas quasi riechen und fühlen kann.
Im ersten Stock steht zwar ein Flügel. Doch der Lothringer Robert Schuman war kein sächsischer Komponist, sondern dieser große Mann, der das moderne Europa geprägt hat wie kein Zweiter.
Robert Schuman kam 1886 als deutscher Staatsbürger in Luxemburg zur Welt. 1919 wurde er Franzose, als Elsass-Lothringen, wo er zuhause war, wieder Teil Frankreichs wurde.
Seine politische Karriere begann der promovierte Jurist 1919 als Abgeordneter für das Departement Moselle. Von 1948 bis 1953 war er Frankreichs Außenminister. Die Woche über lebte der Politiker in Paris, aber jede freie Minute verbrachte er in dem bescheiden Haus, 15 Minuten von Metz.
Die Führung beginnt im Erdgeschoss, wo eine Küche ans schlichte Esszimmer grenzt. Schuman starb 1963 in dem Raum gleich nebenan, durch den man in die Garage gelangt, in der immer noch der schwarze Simca Aronde P 60 steht.
Im Obergeschoss versammeln sich tausende von Büchern in der Bibliothek, nebenan befindet das Arbeitszimmer. Dokumente und Briefe liegen auf seinem Schreibtisch. Zwar diente das Haus in Metz als Rückzugsort, dennoch hat Roman Schuman hier auch berühmte Besucher hier empfangen. Zum Beispiel Jean-Marie Belt, den Botaniker und späteren Vize-Bürgermeister von Metz, den ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Jean Monnet.
Schuman-Plan entstand bei Metz
Der Chef des französischen Planungskommissariats hatte ein revolutionäre Idee: Er wollte die Schlüsselindustrien, der für die Kriegführung wichtigen Rohstoffe Kohle und Stahl von Deutschland und Frankreich zusammenlegen und unter die Aufsicht einer Hohen Behörde stellen. Robert Schuman, der immer nach Versöhnung und Verständnis statt Spaltung suchte, unterstützte das Projekt, das als Schuman-Plan Geschichte schrieb.

Die Gründerväter Europas: Alcide de Gasperi, Robert Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer (l. n. r.)
Am 9. Mai 1950, heute der „offizielle Europa-Tag“, trat Robert Schuman mit seiner zukunftsweisenden Erklärung im Uhrensaal des Quai d’Orsay vor die Presse. Er schlug die Schaffung einer Montanunion zwischen Deutschland und Frankreich vor, die auch anderen europäischen Staaten offenstehen sollte.
„Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung“, erläuterte der Außenminister. „Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen. Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der Jahrhunderte alte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird.“
Mit der ein Jahr später gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) war erste Schritt zu einem geeinten Europa getan.
Der kleinste Garten ohne Grenzen
Das Manuskript dieser Rede liegt auf dem Schreibtisch in Scy-Chazelles bei Metz. Dass fast alle Möbel und persönlichen Gegenstände Originale sind, ist dem Engagement des CERS (Europazentrum Robert Schuman) zu verdanken. Denn nach seinem Tod wurde Robert Schumans Habe, darunter tausende von dicke, in Leder gebundene Bücher, versteigert und verkauft.
Im internationalen Ausland wurde Robert Schuman zwar hoch geschätzt. Aber dass sein Plan jedoch auch eine versöhnliche Geste gegenüber Deutschland war, wurde ihm aber auch übel genommen. Viele Franzosen waren noch nicht bereit, dem „Erbfeind“ die Hand zu reichen. Doch inzwischen ist vieles wieder im Haus. Alles wurde wieder so hergerichtet wie es 1963, am Vorabend des Todes des Gründervaters von Europa war.
In einem modernen Anbau zeigt ein Dokumentationszentrum Robert Schumans Friedensprojekt. Sehenswert sind auch der Garten und die benachbarte Saint-Quentin-Kapelle aus dem 12. Jahrhundert, in dem der wohl wichtigste Gründervater der Europäischen Gemeinschaft seine letzte Ruhe fand.
Info: Robert-Schuman-Haus, 8-12 rue Robert Schuman, 57160 Scy-Chazelles, www.mosellepassion.fr. Öffnungszeiten: Mitte Februar bis Mitte Dezember, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr.
Montags und am 1. Mai geschlossen. Eintritt: 5 Euro. (Besichtigung Wohnhaus, Daueraustellung, Dokumentarfilm und Garten)










