Normalerweise stehen in Weinbergen Rebstöcke wie am Schnürchen. Hier und da eine Bank oder ein Kapellchen. Doch aus den Weingärten in Mesenich ragt ein riesiger Kopf hinaus. Dahinter steckt eine rührige Geschichte mit Lokalkolorit.
Mesenich liegt am Moselkrampen zwischen Cochem und Bremm, die Nachbarorte sind Briedern und Senheim. Knapp 300 Menschen leben in dem beschaulichen Örtchen im historischen Ambiente. Mittelpunkt ist von jeher das alte Zehnthaus, der Brauweiler Hof. Um das Gebäude herum versammeln sich einige hübsche Fachwerkhäuser. So weit, so normal. Doch dann schweift der Blick über den Weinberg – bis sich das Auge in einem ungewöhnlichen Objekt verfängt.
Wer durch die Gassen läuft, kann das prominent platzierte Kunstwerk oberhalb der Ortschaft eigentlich nicht übersehen: Immerhin misst er zweieinhalb Meter, dieser imposante Kopf, der in der Weinlage Mesenicher Goldgrübchen thront. Handy gezückt und klick. Motive dieser Art kommen online gut an. Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen.
Die Mosel schwätzt Platt
„Mesenicher Steinreichskopp” steht auf der Plakette an dem Sockel, der den Giganten trägt. Für die Einheimischen braucht es keinen Übersetzer. Dem Menschen von außerhalb kommt das allerdings Spanisch vor. Wie so oft, wenn ein waschechter Moselaner loslegt und in sein Moddersproch Moselfränkisch spricht.
Die Leute zwischen Koblenz und Trier essen Mausohr statt Feldsalat, der Topf verwandelt sich in ein Döppen, das Butterbrot in eine Schmeer. Das Auto wird zur Koar. Und sitzt der Moselfranke in der Patsche, ist er in die Bredullisch geraten.
Interessierte Ortsfremde können im Tal einige sonderbare sprachliche Phänomene entdecken. Wo es zum Beispiel im Hochdeutschen nehmen heißt, da sagt der Moselaner holen: Man holt ab, wenn man ein paar Kilo Gewicht verliert. Man holt sich an anderen ein gutes Beispiel. Man kann jemand im Auto mitholen, für den Nachbarn ein Paket anholen oder ein Medikament einholen. Das Verb nehmen ist umgangssprachlich praktisch nicht existent. Ähnlich ergeht es dem Wort werden: In fast in allen dörflichen Dialekten gibt man am Geburtstag ein Jahr älter.
„Dialekt ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele Atem holt,” hat Johann Wolfgang von Goethe seinerzeit erkannt. Ja, die Mundart ist ein Gefühl. Die Zugehörigkeit zur Heimatgemeinde wird auf der Zunge getragen. Denn Moselfränkisch ist nicht gleich Moselfränkisch: Hinter dem Oberbegriff verbergen sich so viele klangvolle Variationen wie es Ortschaften gibt. Geübte Ohren erkennen am Tonfall und auch an bestimmten Worten ganz genau, woher der Gesprächspartner kommt. Denn nahezu jedes Dorf an der Musel schwätzt ihr eigenes Platt. Und das versteht noch lange nicht jeder.
Darum ist Mesenich steinreich
Als wäre die exotische Sprache für Außenstehende nicht schon Herausforderung genug, haben sich die Bewohner einzelner Dörfer gegenseitig teils skurrile Spitznamen verliehen – auf moselfränkischer Basis, natürlich. Sie stehen auf keinem Stadtplan, auf keinem Ortsschild und lassen sich ohne Insiderwissen kaum entschlüsseln. Mal sind sie neckend-liebevoll, aber manchmal auch etwas bissig.
So werden die Menschen in Mesenich seit jeher von den Nachbargemeinden Steinreichskäpp genannt. Nicht etwa, weil die Millionärsdichte in dem Winzerdorf so hoch wäre. Schuld an allem sind die zahlreichen Lesesteinhaufen, verteilt über den gesamten Weinberg. Für seltene Arten wie Smaragd-Eidechsen oder Mauerpfeffer ist es das gelobte Land. Doch der Spottname unterstellt, dass es in der Mesenicher Steillage mehr Steine als guten Boden gäbe.
Früher sah man diese Steinhaufen überall entlang der Mosel. Doch erst sehr spät wurde die ökologische Bedeutung der sogenannten Steinreichen für Flora und Fauna erkannt. Mesenich ist im Tal eine der wenigen Gemeinden, in denen sie noch existieren.
Kunst am Wanderweg
Heute sind die Mesenicher stolze Steinreichskäpp und haben ihren Ortsnecknamen erfolgreich in ein touristisch-traditionelles Aushängeschild verwandelt. Denn die rührige Dorfgemeinschaft legte sich mächtig ins Zeug und ließ inmitten der Weinberge einen bemerkenswerten Kulturweg mit Unterhaltungswert entstehen.
Der drei Kilometer lange Pfad ist gesäumt von originellen Kunstobjekten, geschaffen in der Werkstatt des Alfer Künstlers Turgut Gül: Hauptattraktion sind in die Stein gemeißelten Köpfe, mit denen sich einige Mesenicher Bürger und Bürgerinnen ein Denkmal setzten. Majusebetter!
Unterwegs trifft man nun auf die Häupter von Winzerfamilien, lokaler Prominenz oder den letzten Pfarrer der eigenständigen Mesenicher Pfarrei. Man sieht den Heimatkundler Karl-Josef Selbach und Hugo Arens, den Initiator des Projekts, dessen Familie seit fast 200 Jahren den Beinamen Schlichda trägt. Denn nicht nur ganze Dörfer, auch einzelne Dörfler wurden und werden mit Spitznamen belegt.
Wer hat Angst vorm Hoogemaan?
Besonders imposant ist der zweieinhalb Meter große Steinreichskopp, der stoisch über die Mosel blickt. Wer möchte, setzt sich auf die Bank daneben und guckt ein Weilchen mit.
Neben den Portraits von lebenden und verstorbenen Einheimischen haben aber auch sagenhafte Gestalten aus der Heimat-Mythologie ihren Platz am Wanderweg gefunden. Zum Beispiel der gefürchtete Hoogemaan, auf Hochdeutsch: Hakenmann, der angeblich Kinder in den Fluss hinein gezogen hat. Oder das Telligenmännchen, eine ruhelose Seele, die in Mesenich spukt und Wanderer erschreckt.
Aber auch viele Weinsprüche sind vom Künstler in Stein gemeißelt worden. Ein hölzernes Barometer gibt Auskunft über die Mesenicher Wetterlage. Infotafeln erzählen allerhand über die Landschaft, das Dorf und seine Menschen. Und Mitmach-Stationen gibt es auch: Wer unbedingt will, misst seine Kräfte im Steineheben oder wiegt sein eigenes Gewicht mit Steinen auf.
Auch ein Glücksrad steht dort am Weg. Wenn man daran dreht, kann man zwar kein Auto oder eine Reise gewinnen. Dafür verrät es eine Lebensweisheit, die man sich mitnehmen kann. Ach was, mitholen, natürlich. Denn auf Moselfränkisch „nimmt” man ja nicht, man „holt”.
Wenn man schonmal da ist …
Sehenswertes in Mesenich
⇒ Um die Erinnerung an den Hoogemaan aufrecht zu erhalten, bekam der Wassergeist als Steinrelief einen Platz am Kulturweg Mesenicher Steinreichskäpp. Da er der Sage nach aber in die Mosel gehört, wurde er auch als Kunstfigur in Form einer schwimmenden Boje bei Flusskilometer 66,5 verankert.
An dieser Stelle soll der Bösewicht, der nun mit langer Hoakestang und bösem Blick das Mesenicher Ufer überwacht, einst Schiffsleute, Waschfrauen und vor allem Kinder in die Mosel gezogen haben. Auch dieses Kunstwerk stammt aus der Werkstatt von Turgut Gül. Die ganze Geschichte lässt man sich am besten vor Ort erzählen.
⇒ Der umtriebige Mesenicher Hugo Arens ist einer der Initiatoren des Projektes Kulturweg Mesenicher Steinreichskäpp. Er war es auch, der das Geburtshaus seines Vaters als Modell im Maßstab 1:10 nachbaute. Das moseltypische Fachwerkhaus war 1931 zusammen mit fünf anderen Wohnhäusern abgebrannt. Am Ortsrand zu den Weinbergen hin platziert, dient das hübsche Bauwerk nun als Sehenswürdigkeit und Insektenhotel. Was für eine nette Idee.
⇒ Ungewöhnliche Immobilien haben in der Gegend Tradition. Vor allem die Ruine am gegenüberliegenden Ufer fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. Denn dieses Gebäude-Ensemble an der Mosel beherbergte einst eine britische Brauerei. Errichtet in den 1850 Jahren. Doch gleich mehrere bieraffine Investoren versuchten darin vergeblich ihr Glück. Die letzten Bewohner betrieben eine Straußwirtschaft in den Räumen.
Nach deren Auszug überließ man das Haus ab 1951 den Kräften der Natur. Heute sind nur noch die Außenmauern und Keller zu sehen, doch für die Fans von Lost places ist das Altertümchen ein Sehnsuchtsziel. Der Ruine keinen Platz in der eigenen Instagram-Galerie zu gewähren, wäre sicherlich ein Fehler.
Zum Weiterlesen: Die britische Brauerei-Ruine bei Mesenich»
⇒ Moselfahrt mal anders. Statt mit einem Kanu oder Tretboot zu fahren, kann man in Mesenich mit Wasserfahrrädern, sogenannten Aquabikes, die Mosel erkunden. Die quietschgelben, überdimensionalen Gefährte werden vom Weingut Kochems (Römerstraße 8, 56820 Mesenich) stundenweise vermietet.
Open-Air-Ausstellung in Senheim
⇒ Auch Senheim, der Nachbarort von Mesenich, präsentiert gratis originelle Kunst unter freiem Himmel. Wer am Moselufer einen Menschen sieht, dessen Kopf in einem Steinblock steckt, muss nicht Erste Hilfe leisten. Denn dieser Mann oder diese Frau ist gerade dabei, ein Kunstwerk mit allen Sinnen zu erforschen. Der Senheimer Bildhauer Christoph Anders hat es geschaffen. Einmal mit Klopfen in Schwingungen versetzt, erklingen Töne, die man umso intensiver erlebt, wenn man den Kopf in die Öffnungen der Basaltstein-Blöcke steckt.
Die sogenannten Klang- und Summsteine stehen auf der Wiese nahe dem Hafenbecken. Sie gehören zu einer Art Skulpturenpark, der sich bis hinauf in die Weinberge zieht. Man trifft zum Beispiel auf das Denkmal für ein Schiff oder bunte Weinbergpfähle als Hommage an den Moselwinzer.
⇒ Im Anschluss an die Tour kann man sich das Erlebte bei einem Glas Wein noch mal ganz in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Zum Beispiel bei moseltypischen Spezialitäten im Wein- und Gästehaus Bai in Mesenich. Wer Lust auf Wildschwein-Burger oder Wildschnitzel hat, steuert das Weingut Deis in Senheim an. Am 1. Augustwochenende und am 2. Septemberwochenende feiert Mesenich seinen Wein.
Do you speak Moselfränkisch?
Wer sich für den lokalen Dialekt interessiert, kann auf unterhaltsame Art tiefer in die Sprache einsteigen. Etwa am jährlichen Moselfränkischen Mundart-Tag in Kröv oder bei Aufführungen in der Turnhalle Reil: Der Theaterverein Moselblümchen bringt jedes Jahr ein neues Stück in Reyla Platt auf die Bühne. Die Mundart-Initiative im Kreis Cochem-Zell e. V. hat eine Reihe von Veranstaltungen auf der Homepage www.mir-schwaetze-platt.de zusammengetragen.
Übrigens: Moselfränkisch wird im belgisch-deutsch-französischen-luxemburgischen Grenzraum gesprochen. Aber auch in Rumänien lebt die Mundart. Denn die Siebenbürger Sachsen sprechen einen eng verwandten Dialekt, Siebenbürgisch-Sächsisch, den ihre Vorfahren vor Jahrhunderten aus der Heimat mit nach Siebenbürgen brachten.
Schon gesehen?
Mosel 2.0 gibt es auch als Magazin!
Über 110 Seiten voller Geschichten, Tipps und Fotos vom Fluss.
mosel. Das Magazin für Entdecker
242 Flusskilometer mal anders erzählt
ISBN 978-3-943123500
11 €, Gaasterland Verlag
Überall erhältlich, wo es Bücher gibt.
Mehr Infos hier.








