Wer die Reichsburg besucht, wird reich belohnt – und dennoch beschummelt. Denn in Wahrheit ist der Prachtbau über Cochem eine Mogelpackung. Doch gerade deshalb lohnt sich der Fußmarsch auf den Berg.
Cochem ist reich – reich an engen Gassen, mittelalterlichen Giebelhäusern, sagenhaft reich an Tagestouristen. Die fotogene Altstadt ist einer der Gründe, warum das Städtchen so beliebt ist. Doch das Highlight thront übersehbar auf dem Berg.
An der Reichsburg kommt niemand vorbei. Wer in Cochem war, hat sie gesehen. So war das schon immer. Aber während sie heute den Touristen gehört, zeigte sie einst als Zollburg, wer in der Gegend gerade das Sagen hatte. Dank ihrer exponierten Lage gut einhundert Meter über dem Fluss, konnte sich kaum ein Kahn unbehelligt vom Acker machen. Um passieren zu dürfen, mussten die Schiffsleute und Händler zunächst den Wegezoll zahlen. Es heißt, die Wachleute auf der Burg konnten sogar die Mosel mit einer Kette versperren.
Heute kommen sie in Scharen und bleiben freiwillig in der Stadt. Denn die Burg mit dem außergewöhnlichen Umriss zählt zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten in der Region. Das Gemäuer fügt sich auf wundersame Weise in die Landschaft ein: Tatsächlich scheint sich die Kontur des aufsteigenden Berges in dem Gebäude bis hinauf zum Turm fortzusetzen.
Die Reichsburg im Film
Wie aus dem Märchenbuch entsprungen glänzt die Schönheit auf dem Bergkegel über der Stadt. Sterntaler wurde dort oben tatsächlich schon gesichtet, denn die ARD hat die verspielte Kulisse für die Verfilmung des Grimmschen Märchens genutzt. Aber auch der unromantische Actionstreifen „Out of Control” wurde auf der Reichsburg gedreht.
Nicht nur Filmteams bauen gerne ihre Kameras auf. Bereits britischen Künstlern vergangener Epochen bot das Gemäuer viel Stoff. Vor allem der Maler William Turner (1751-1871) machte gleich mehrmals in Cochem Station, um die Reichsburg auf Papier romantisch verklärt in Szene zu setzen.
Die Reichsburg sieht aus wie ein mittelalterlicher Traum mit Zinnen – aber das täuscht. Denn mit dem Originalzustand hat die größte Höhenburg im Moseltal nur noch wenig gemein. Sie tut nur so, als entstamme sie dem Mittelalter.
Turbulente Geschichte der Reichsburg
Zwar wurde die Reichsburg vermutlich um das Jahr 1100 zum ersten Mal gebaut. Aktenkundig ist sie im März 1130 in Erscheinung getreten. Doch so wie die Anlage heute dort steht, hat sie gerade mal rund 150 Jahre auf dem Buckel. Denn im Laufe ihrer Geschichte wurde sie erobert, belagert, neu erobert, nochmal erobert, verpfändet, beschossen, okkupiert und im Jahr 1689 von den Franzosen mit Sprengstoff pulverisiert. Nach dem finalen Knall blieben nur Asche, Rauch und schließlich eine attraktive Ruine in exklusiver Lage zurück.
Als der William Turner das Gemäuer malte, hat es noch in Trümmern gelegen. Aber die Reichsburg hatte Glück: 1868 kam der Geschäftsmann und Kunstliebhaber Louis Jacques Ravené in die Stadt. Der Berliner Fabrikant war am Bau der militärstrategischen Eisenbahnlinie Koblenz – Metz beteiligt. Die Ravenés hatten es durch Stahl- und Eisenhandel zu erheblichem Reichtum gebracht. Geld hatten die Krupps des Ostens also genug. Warum also nicht eine hübsche Burg für die Sommerfrische kaufen?
Der Adel konnte es doch auch. Etwa der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, der sich die Ruine der Burg Stolzenfels am Rhein hatte prachtvoll herrichten lassen. Die nostalgische Verklärung des Mittelalters, das sogenannte gothic revival, war längst von England auf Deutschland übergeschwappt.
Reichsburg bekommt romantisches Gesicht
Die symbolische Summe von 300 Goldmark legte Ravené für die Ruine auf den Tisch, um die historische Immobilie teils nach alten Kupferstichen, teils nach den romantischen Vorstellungen seiner Zeit wieder aufbauen zu lassen. So ist zum Beispiel der größte Teil der Zinnen eine zeitgemäße Erfindung.
Für die Planung und Umsetzung engagierte er den befreundeten Architekten Hermann Ende, später auch Julius Carl Raschdorff, den Erbauer des Berliner Doms.
Mit einem Festbankett im Rittersaal wurde die Reichsburg 1877 eingeweiht. Nur die junge Ehefrau des Besitzers saß nicht mit am Tisch. Denn Therese Elisabeth Emelie Ravené (geborene von Kusserow) hatte sich in den Bankier Gustav Simon verliebt und ihren Mann längst verlassen. Die Scheidung war Stadtgespräch in Berlin – Theodor Fontane hörte davon und ließ sich zu seinem Roman L’Adultera inspirieren: Er machte aus Ravené die Romanfigur van der Straaten.
Nur zwei Jahre waren Ravené auf der Reichsburg vergönnt. Er starb 1879 im tschechischen Kurort Marienbad, während in Cochem die neu gebaute Burgkapelle geweiht wurde. Den vollständigen Ausbau der Burg erlebte er nicht mehr. Darum kümmerte sich später sein Sohn Louis Ferdinand Auguste, der auch die Tochter des Architekten Hermann Ende heiratete.
Insgesamt 75 Jahre lang gehörte Burg im neugotischen Stil der Familie Ravené. 1942 fiel die Anlage ans Deutsche Reich, nach dem Krieg ging sie an das neu gegründete Bundesland Rheinland-Pfalz. Seit 1978 gehört die Reichsburg der Stadt Cochem.
Froschkönig oder Löwe?
Damals beim Wiederaufbau hielten die Cochemer den reichen Berliner wahrscheinlich für verrückt. Aber heute ist er Cochems Ehrenbürger. Eine Straße trägt den Namen Ravenés und seine Reichsburg gilt längst als das Wahrzeichen ihrer Stadt.
In dem Touri-Magnet geht es während der Saison zu wie im Taubenschlag. Schon im frei zugänglichen Bereich gibt es einiges zu sehen. Etwa die Statue, die viele für den Froschkönig halten. Doch es wird kein Prinz zum Vorschein kommt, wenn eine Prinzessin ihn an die Wand wirft. Denn in Wahrheit handelt sich um den Pfälzer Löwen, der in Ritterrüstung mit zugeklapptem Visier das Tal bewacht. Der Löwe ist Wappentier von Rheinland-Pfalz. Auch der Bauherr der Reichsburg war ein Pfalzgraf. Deshalb trifft man dort an vielen Ecken auf das Tier.
Der erste Blick fällt auf das älteste Bauwerk der Anlage, den Achteckturm, der ein vier mal acht Meter großes Mosaik des Heiligen Christophorus zeigt. Zwar wurde das 1870 geschaffene Bildnis des Schutzpatrons der Reisenden von den Nazis zerstört, doch später durch ein neues Mosaikbild ersetzt. Auch der Ausblick auf die Mosel ist von dort oben attraktiv.
Führungen durch die Reichsburg
Hinein kommt man nur bei einer 40 Minuten dauernden Führung. Immerhin bis zu 250.000 Menschen steigen pro Jahr auf den Berg, um sich auch das Innere der Reichsburg zeigen zu lassen.
Die Karawane zieht durch den Rittersaal, das Jagdzimmer, den Speisesaal und die Schlosskapelle. Für Burgenfans gibt es viel zu entdecken. Zum Beispiel die hölzerne Balkendecke im Stil der Neorenaissance. Da sind aber auch ein gotisches und ein romanisches Zimmer. Wände voller Holzschnitzereien. Wertvolle Möbel, Vasen, Kunstwerke, Waffen.
Aber auch Kuriositäten wie Zinnkrüge, die Tagesrationen von drei bis fünf Litern Wein fassen oder eine Rüstung für einen über zwei Meter großen Mann. Emaillierte Türklinken mit den Initialen LR zeugen von der Detailverliebtheit des Bauherrn Louis Ravené.
Geheimgang im romanischen Zimmer
An einigen Stellen lässt sich noch die mittelalterliche Bausubstanz der Reichsburg erkennen, etwa an der Ringmauer oder dem nie zerstörten Hexenturm. Aufmerksame Betrachter entdecken im Damensalon die Wappen berühmter Adelsgeschlechter wie der von Eltz, den kostbaren Bechstein-Flügel im Rittersaal und vielleicht sogar zwei verborgene Türen. Die eine führt zur Bibliothek, die andere in einen geheimen Tunnel. Angeblich verlief der Geheimgang bis in die Stadt, gesichert ist dies jedoch nicht. Heute ist er ohnehin längst zugemauert.
Natürlich ranken sich auch Legenden um die Burg. Darunter Schauergeschichten, die man von den einstigen Bewohnern berichtet. Von dem Grafen Hermann von Salm und Luxemburg etwa, der anno 1086 von einem wachsamen Burgfräulein versehentlich gesteinigt wurde. Auch was es mit der Fässerschlacht auf sich hat, erfahren Burgbesucher während einer Führung.
Geisterführung und Burgweihnacht
Eine Besonderheit ist die Dienstbotentour anno 1877: Zwei Mal pro Monat geht es wie mit der Zeitmaschine zurück ins Kaiserreich. Hausdame Constanze und Dieners Ernst nehmen die Gäste heimlich mit auf einen Streifzug durch die privaten Gemächer ihres Dienstherrn, um sich ein kleines Zubrot zu verdienen. Bei der Kostümführung erfahren die Gäste zum Beispiel, warum Zeitungen für die Ravenés gebügelt wurden und wie Riechsalz duftet.
Bei der Geisterführung für Kinder geht es zudem in Räumlichkeiten, die nicht zur regulären Route gehören. Etwa der Bergfried, ein Wehrgang oder die Strafgerätekammer. Dabei wird niemand in Angst und Schrecken versetzt. Denn der Name verweist darauf, dass auch abgelegene Winkel der Reichsburg besichtigt werden, in die sich normalerweise nur der Burggeist verirrt. Tatsächlich geht es ums Forschen, nicht ums Gruseln, versprochen.
Geht es wiederum mit Maria und Josef auf Herbergssuche, sind es noch zwei Wochen hin bis zur Bescherung. Die Cochemer Burgweihnacht, immer am vorletzten Wochenende vor Heiligabend, ist ein Publikumsrenner.
Gasterey auf der Reichsburg
Ruft der Burggraf „Schlagt die Tafel auf”, ist Zeit für die „Gasterey nach Art der alten Rittersleut”. Immer freitags und samstags schlemmen Gäste wie die Schönen und Reichen im Mittelalter. Denn Fleisch konnten sich nur die wohlhabenden Leute leisten. Der Burggraf lässt sich nicht lumpen und tischt als Hauptgang Keulen vom Grill und Schweinshaxen auf.
Die gewohnte Etikette fällt dabei unter den Tisch. Denn wie es damals üblich war, wird die „Speys” von der Hand in den Mund gegessen. Zum Abendprogramm gehören noch allerley Schabernack und Kurtzweyl. Ach, das herrliche Ritterleben!
Wie viel echtes Mittelalter auch drinstecken mag: Die Reichsburg bietet alles, was man von einer Märchenburg auch erwartet. An der Mosel kann ohnehin nur eine Burg den Anspruch erheben, ein authentisches Stück Mittelalter zu sein: die nie zerstörte Burg Eltz, die seit 33 Generationen derselben Familie gehört.
Infos zur Reichsburg
Adresse: Reichsburg Cochem, Schloßstraße 36, 56812 Cochem, Tel. 02671 255, www.reichsburg-cochem.de
Öffnungszeiten: täglich 10 – 18 Uhr. Die Reichsburg ist die einzige Mosel-Burg, die auch im Winter besichtigt werden kann.
Burgschänke: Im Restaurant stehen Deftiges wie Eintopf, Schnitzel oder Ritterbrot auf der Speisekarte. Natürlich auch Kuchen und Wein.
Anfahrt: Eine direkte Anfahrt mit dem Auto oder Motorrad ist nicht möglich ist. Doch von Mai bis Ende Oktober verkehrt der Reichsburg Shuttlebus 781 zwischen dem Busbahnhof Endertplatz und dem Reichsburgsattel.
Parken: Parkhaus in der Endertstraße oder Cityparkplatz in der Pinnerstraße, etwa 15-30 Minuten Fußweg bis zur Burg.
Aufstieg: Ab Bahnhof Cochem ca. 30 Minuten zu Fuß.
Führungen und Feste
Führung: Das Innere der Burg kann nur bei einer Führung besichtigt werden. Dauer ca. 40 Minuten, zwischen Mitte März und November täglich 9 – 17 Uhr, in den Wintermonaten verkürzte Öffnungszeiten. Preise: Erw. 10 €, 6 – 17 Jahre 5 €, Familienkarte 26 €.
Fotografieren und Filmen: Beides ist auch in den Räumen (ohne Stativ) erlaubt, Drohnen sind auf dem Gelände verboten.
Hunde: Brave Hunde dürfen angeleint an der Führung durch die Innenräume teilnehmen.
Burgfest: Zweitägiges Fest mit Ritterspielen, Handwerkern, Gauklern und mittelalterlichem Marktszenario. Immer am ersten Augustwochenende.
Gasterey auf der Reichsburg: Dauer 4 Stunden, Preise: Erw. 64 €, Kinder 6 bis 12 Jahre, 32 €.
Wandern und Tradition
Besonderheit: Der Knipp-Montag ist für viele Cochemer der höchste Feiertag im Jahr. Dahinter steckt eine Sage, die sich so an einem Sonntag nach Ostern abgespielt haben soll: Damals wollte sich ein junger Burgknecht mit seiner Liebsten treffen. Aber auf seinem Weg dorthin entdeckte er auf einer Wiese schwer bewaffnetes Volk. Der Mann erfuhr, dass die Truppe einen Angriff auf die Reichsburg plante. Schnell galoppierte er zur Burg zurück und schlug Alarm. Die Burgmannen rüsteten zur Verteidigung. So konnten die überraschten Feinde am nächsten Morgen abgewendet und vertrieben werden.
Aus Dankbarkeit gab der Burggraf seinen Mannen dienstfrei und erklärte den Montag nach dem „weißen Sonntag” zum Feiertag für alle Zeit. Seit damals ziehen die Cochemer Bürger und Bürgerinnen mit reichlich Proviant zur Wiese namens „Knipp” oberhalb der Burg, wo sich die Angreifer einst versammelt hatten. Von der Reichsburg werden Salven abgefeuert.
Wandern: Rund um die Reichsburg einige Wanderwege, zum Beispiel die Cochemer Ritterrunde, ein Seitensprung des Moselsteigs. Mehr Infos zu Touren stehen hier.








