Reichsburg Cochem: Viel zu schön, um wahr zu sein

Wer die Reichsburg in Cochem besucht, der wird reich belohnt – und doch beschummelt. Denn in Wahrheit ist der Prachtbau auf dem Berg eine Mogelpackung. Aber eine wunderschöne.

Cochem, Mosel

Blick auf Cochem mit der Reichsburg.

An der Reichsburg in Cochem kommt keiner vorbei. So war das schon immer. Früher ließ der Trierer Kurfürst die Mosel mit einer Kette sperren, um von den Schiffern Wegzoll verlangen zu können. Heute gehört die Burg mit dem einmaligen Umriss zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten in der Region.

Wie in einem Märchen thront die majestätische Schönheit über der Stadt. Bereits britischen Künstlern vergangener Epochen bot das romantische Gemäuer viel Stoff. Der Maler William Turner etwa machte gleich mehrmals in Cochem Station, um die Reichsburg in stimmungsvollem Licht in Szene zu setzen.

Inzwischen strömen Menschen aus aller Welt in Scharen in das Gemäuer. Denn die Reichsburg sieht aus wie ein mittelalterlicher Traum mit Erkern und Zinnen – aber das täuscht. Denn mit dem Originalzustand hat die Märchenburg an der Mosel nur noch wenig zu tun.

Turbulente Geschichte der Reichsburg

Reichsburg, Cochem, Mosel

Die Reichsburg

Zwar wurde die Reichsburg um das Jahr 1000 zum ersten Mal gebaut. Doch so wie sie heute dort steht, hat sie gerade mal rund 150 Jahre auf dem Buckel.

Denn im Laufe ihrer Geschichte wurde sie erobert, belagert, neu erobert, nochmal erobert, verpfändet, beschossen, okkupiert und im Jahr 1689 von den Franzosen mit Sprengstoff pulverisiert. Nach dem Knall blieben nur Asche, Rauch und schließlich eine Ruine blieb zurück.

Aber die Reichsburg hatte Glück: 1868 kam der Geschäftsmann und Kunstliebhaber Jacob Louis Fréderic Ravené in die Stadt. Der Berliner Fabrikant war am Bau der militärstrategischen Eisenbahnlinie Koblenz – Metz beteiligt. Die Ravenés hatten es durch Stahl- und Eisenhandel zu erheblichem Reichtum gebracht. Geld hatten die Krupps des Ostens also genug. Warum also nicht eine hübsche Burg als Sommersitz kaufen?

Reichsburg, Cochem, Burghof

Blick durch ein Tor

Reichsburg bekommt romantisches Gesicht

300 Goldmark legte Ravené für die Ruine auf den Tisch, um sie teils nach alten Kupferstichen, teils nach den romantischen Vorstellungen seiner Zeit wieder aufbauen zu lassen. Dabei verpassten die Architekten Hermann Ende und Karl Julius Raschdorff der Reichsburg ihr romantisches Gesicht.

Mit einem Festbankett im Rittersaal wurde die Reichsburg 1877 eingeweiht. Nur die junge Ehefrau des Besitzers saß nicht mit am Tisch. Denn Therese Ravené (geborene von Kusserow) hatte sich in den Bankier Gustav Simon verliebt und ihren Mann längst verlassen. Die Scheidung war nicht nur Stadtgespräch in Berlin, auch Theodor Fontane hörte davon und ließ sich zu seinem Roman L’Adultera inspirieren. Er machte aus Ravené die Romanfigur van der Straaten.

Reichsburg, Cochem, Saal

Das reiche Innenleben der Reichsburg.

Die vollständigen Ausbau der Reichsburg erlebte Ravené nicht mehr, er starb 1979 im böhmischen Marienbad. Darum kümmerte sich später sein Sohn Louis Auguste, der auch die Tochter des befreundeten Architekten Ende heiratete. Insgesamt 75 Jahre lang diente die Burg im neugotischen Stil der Familie als Sommer-Domizil. Seit 1978 ist die Stadt Cochem der Besitzer.

Geheimgang im romanischen Zimmer

Damals beim Wiederaufbau hielten die Cochemer den reichen Berliner wahrscheinlich für verrückt. Aber heute ist er Cochems Ehrenbürger und die Reichsburg das Wahrzeichen ihrer Stadt.

In dem Gemäuer geht es zu wie im Taubenschlag. Immerhin bis zu 250.000 Menschen steigen pro Jahr auf den Berg, um bei einer Führung auch das Innere der Reichsburg zu sehen.

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Eingang zur Reichsburg Cochem

Und da gibt es es einiges zu entdecken. Eine Schlosskapelle, der Rittersaal, das Jagdzimmer – alles da. Da sind der Speisesaal im Neorenaissancestil, ein gotisches und ein romanisches Zimmer. Man sieht Gemälde, historische Kachelöfen und entdeckt sogar eine verborgene Tür, die in einen geheimen Tunnel führt. Angeblich verlief er bis in die Stadt, gesichert ist dies jedoch nicht. Heute ist der Geheimgang ohnehin zugemauert. 

An einigen Stellen lässt sich sogar noch die mittelalterliche Bausubstanz erkennen, etwa an der Ringmauer oder dem Hexenturm. Aber wie viel echtes Mittelalter auch drin steckt: Die Reichsburg bietet alles, was man von einer Märchenburg auch erwartet. Hinzu kommen Rittermahle und Geisterführungen für Kinder, das Burgenfest im Sommer oder die Burgweihnacht. Auch der Ausblick auf die Mosel ist attraktiv.

An der Mosel kann ohnehin nur eine Burg den Anspruch erheben, ein authentisches Stück Mittelalter zu sein: die nie zerstörte Burg Eltz, die seit 33 Generationen derselben Familie gehört.

Infos zur Reichsburg

Adresse: Reichsburg Cochem, Schloßstraße 36, 56812 Cochem, Tel. 02671 255, www.reichsburg-cochem.de

Öffnungszeiten: täglich 10 – 18 Uhr

Burgschänke: täglich 10 – 18 Uhr

Anfahrt: Eine direkte Anfahrt mit dem Auto ist nicht möglich ist. Von Mai bis Ende Oktober verkehrt der Reichsburg Shuttlebus 781 zwischen dem Busbahnhof Endertplatz und dem Reichsburgsattel. Preise: Einfache Fahrt 2,50 €, Hin- und Rückfahrt 4 €.

Parken: Parkhaus in der Endertstraße oder Cityparkplatz in der Pinnerstraße, etwa 15-30 Minuten Fußweg bis zur Burg.

Aufstieg: Ab Bahnhof Cochem ca. 30 Minuten zu Fuß.

Reichsburg, Mosel, Zimmer

Ein Zimmer in der Burg.

Führungen und Feste

Führung: Das Innere der Burg kann nur bei einer Führung zwischen Mitte März und November besichtigt werden. Dauer ca. 40 Minuten, täglich 9 – 17 Uhr. Preise: Erw. 7 €, 6 – 17 Jahre 3,50 €, Familienkarte 18 €. Fotografieren erlaubt.

Hunde: Brave Hunde dürfen angeleint an der Führung teilnehmen.

Geisterführung für Kinder: Von Ostersonntag bis Ende Oktober jeden Sonn- und Feiertag um 14 Uhr. Preise: Kinder 5 €, Erw. 7 €.

Dienstbotenführung Anno 1877: Von Mitte März bis Ende November, monatlich jeden zweiten und vierten Freitag (18 Uhr) und jeden zweiten und vierten Samstag (18.30 Uhr). Erw. 12 €, Kinder 6 €.

Burgfest: Dreitägiges Fest mit Ritterspielen, Handwerkern, Gauklern und mittelalterlichem Marktszenario. Immer am ersten Augustwochenende.

Cochemer Burgweihnacht: Am vorletzten Wochenende vor Heiligabend.

Gasterey auf der Reichsburg: Nach einer Führung geht es in den Burgkeller zum rustikalen Rittermahl. Gespeist wird nach alten Tischsitten und Gebräuchen. Als Hauptgang reicht man Keulen vom Grill und Schweinshaxen. Dauer 4 Stunden, Preise: Erw. 49 €, Kinder 6 bis 12 Jahre, 25 €.

Wandern und Tradition

Besonderheit: Der Knipp-Montag ist eine Art lokaler Feiertag der Cochemer. Immer am Sonntag nach Ostern trifft sich die haöbe Stadt mit Essen und Wein auf einer Wiese namens Knipp oberhalb der Burg.

Wandern: Rund um die Reichsburg einige Wanderwege, zum Beispiel die Cochemer RitterRunde, ein Seitensprung des Moselsteigs. Mehr Infos zu Touren stehen hier.