Sonnenuhren ticken richtig – und dennoch gehen sie falsch

An der Mosel zeigen hunderte von Sonnenuhren, was die Stunde geschlagen hat. Allerdings nur, wenn man sie richtig lesen kann. Und warum an der Wehlener Sonnenuhr im Weinberg die 7 fehlt, steht hier.

Mosel, Wehlener Sonnenuhr, Riesling

Die berühmte Wehlener Sonnenuhr.

Wenn die Sonne scheint, weiß jeder, der in Wehlen unterwegs ist, wie viel Uhr es ist. Denn in dem Stadtteil von Bernkastel-Kues wimmelt es nur so von nostalgischen Zeitanzeigern. Schon mehr als 50 Sonnenuhren schmücken die Wände der Häuser, Mauern oder Gärten und sogar die Wehlener Brücke an beiden Enden. Tendenz steigend, denn den Wehlenern ist das längst noch nicht genug.

Den Stein ins Rollen brachte Jodocus Prüm, seines Zeichens Bruder des Namensgebers des Weingutes S.A Prüm, als er 1842 einen geräuschlosen Zeitmesser in seinen Weinberg gegenüber von Wehlen setzte. Inmitten der Schieferfelsen der damals so bezeichneten Lage „Lammerterlay”, wo sie bis heute als Wahrzeichen der Ortschaft steht.

Die Sonnenuhren von Wehlen

Heute gibt es in Wehlen horizontale und vertikale Sonnenuhren. Zum Beispiel prominent platziert auf der Weinkelter an der Alten Kirche. Aber auch auf Hauswänden in der Brückenstraße 26 oder in der Feldstraße Nummer 5 befinden sich dekorative Zifferblätter.

Ebenso sind Würfel-Sonnenuhren mit mehreren Zifferblättern oder Äquatorial-Sonnenuhren in Form einer Kugel zu sehen. Sogar digitale Exemplare hat Wehlen im Sortiment, bei denen die Sonne durch ein Zahlenband scheint. Die Ziffern werden auf eine Platte mit angebrachten Ablese-Zeiger projiziert. Eines davon steht auf der Mauer am Wehlener Brückenkopf.

Nun waren Sonnenuhr-Bauer schon immer verrückt nach Superlativen. Schon Kaiser Augustus ließ etwa 12 v. Chr. in Rom eine überdimensionale Sonnenuhr bauen, das Solarium Augusti. Als Schattenzeiger diente ein über 20 Meter hoher ägyptischer Obelisk, der heute vor dem Parlamentsgebäude steht. Linien und Markierungen waren in ein Feld von rund 160 auf 75 Metern Größe eingelassen. Es befindet sich heute unter dem Pflaster. 

Mosel, Sonnenuhren, Wehlen

Sonnenuhr an der Wehlener Brücke

Oder die schwedische Gemeinde Pajala, deren Sonnenuhr mit einem Durchmesser von 38,33 Meter als die größte der Welt ab 1996 im Guinness-Buch der Rekorde stand.

Dann ist da noch der Franzose Camille Flammarion. Schon 1913 hatte der Astronom die Idee, den Pariser Place de la Concorde in eine gigantische Sonnenuhr zu verwandeln. Doch erst 1999 wurde das Projekt auf dem geschichtsträchtigsten Platz der Stadt zu Ende gebracht. Wer heute auf den Boden blickt, erkennt aufgemalte bronzefarbene Linien und römische Zahlen. Als Zeiger der Sonnenuhr dient auch dort der 22 Meter hohe ägyptische Obelisk in der Mitte.

Während die französische Hauptstadt nun damit wirbt, die größte Sonnenuhr der Welt zu besitzen, will Wehlen an der Mosel das Dorf der 100 Sonnenuhren werden.

Sonnenuhren zeigen die wahre Ortszeit

Das Prinzip ist schnell erklärt: Eine Sonnenuhr funktioniert logischerweise nur dann, wenn die Sonne scheint. Denn sie zeigt mit dem Stand der Sonne die Uhrzeit an. Dafür wird ein Stab, meist aus Metall, parallel zur Erdachse verankert.

Das bedeutet, sein Neigungswinkel zur Erdoberfläche ist immer abhängig von dem Breitengrad, auf dem sich die Sonnenuhr befindet. Wandert die Sonne im Laufe des Tages von Ost nach West über den Himmel, wandert auch der Schatten des Stabes als Zeiger über ein mit Stunden skaliertes Zifferblatt. Bei einigen Uhren kann man neben der Zeit zudem das ungefähre Datum ablesen.

Allerdings zeigen uns Sonnenuhren – anders als mechanische Uhren – die sogenannte Wahre Ortszeit (WOZ) an. Das heißt, wenn die Sonne in Wehlen am höchsten steht, fällt der Schatten des Metallstabs der steinernen Uhr im Weinberg genau auf die Zwölf.

Würden wir uns heute aber immer noch nach der Sonne richten, hätte jeder Ort seine eigene Zeit. Jeweils abhängig vom Sonnenstand und seiner geografischer Lage. Was für ein Durcheinander.

Mosel, Sonnenuhren, Zeltingen

Die Zeltinger Sonnenuhr

Als die Sonnenuhren entstanden, war das für die Menschen noch gar kein Problem. Sie arbeiteten ohnehin nicht nine to five. Ging die Sonne auf, standen sie halt auf, ging die Sonne unter, gingen sie schlafen. Man lebte im Fluss der Zeit. 

An der Mosel gaben die Sonnenuhren den Weinbergsarbeitern den Startschuss fürs Mittagessen und ließen sie wissen, wann Feierabend war. Nur das war wichtig. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galt die Sonnenuhr-Zeit sogar als die genauere, obwohl mechanische Uhren längst erfunden waren. 

Eisenbahner geben die Zeit vor

Aber mit dem Siegeszug der Eisenbahn änderte sich alles. Denn weil die Uhren in jedem Ort anders tickten, wurde die Berechnung und das Lesen der Fahrpläne kompliziert. Tatsächlich gab es damals mehr als 60 Zeitzonen in Deutschland. Große Städte legten ihre Ortszeit nach eigenem Gutdünken fest.

Deshalb gilt auch hierzulande seit dem 1. April 1893 nun an allen Orten unserer Zeitzone offiziell jene Zeit, auf die sich andere Länder schon eine ganze Weile zuvor geeinigt hatten.  

Aus praktischen Gründen ist die Erdkugel in 24 Zeitzonen unterteilt, in denen jeweils dieselbe Uhrzeit gilt. Deutschland liegt in der Zeitzone der mitteleuropäischen Zeit (MEZ), die der Ortszeit des 15. Längengrades östlich von Greenwich einspricht. Weil dieser Längengrad zum Beispiel Görlitz durchschneidet, steht die Sonne dort tatsächlich gegen 12 Uhr mittags im Zenit.

Sonnenuhren, Wahre-Ortszeit

Erklär-Tafel in Wehlen

Doch je weiter man in Richtung Westen reist, desto mehr hinken die Sonnenuhren der amtlichen Uhrzeit hinterher. Deshalb ergibt sich am siebten Längengrad an der Mosel eine Differenz um 32 Minuten.

Die historischen Sonnenuhren im Tal gehen also um rund eine halbe Stunde nach. Demnach muss man während der Sommerzeit sogar eine Stunde und 32 Minuten hinzuzählen, um zu wissen, was die offizielle Stunde geschlagen hat.

Goldene Zeit der Sonnenuhren

Schon die alten Ägypter maßen mit den Schönwetter-Anzeigern die Zeit. Das war etwa 1300 vor Christus. Wenig später wurde auch in China ein Schattenstab (Gnomon) zur Bestimmung der Tageszeit eingesetzt. Die Römer verbreiteten sie seit 300 v. Chr. über Europa.

Hierzulande erlebte der Bau von Sonnenuhren von 1500 bis 1800 seine Blütezeit. Bestseller waren damals tragbare Taschen-Sonnenuhren. Von Goethe ist zum Beispiel bekannt, dass er bei seinen Italienreisen immer eine bei sich hatte.

Doch so schön die antiken Zeitmesser auch sind: Bei Nacht, Regen oder im Winter wird es zappenduster. Zwar sind sie auch deshalb nicht mehr im Alltag als Gebrauchsgegenstände gefragt. Aber beliebt sind sie bis heute. Tatsächlich gehört die Ur-Mutter aller Uhren zu den Markenzeichen der Mosel-Region.

Weit über 100 Sonnenuhren dürfte es noch geben. Schon von weitem sind sie in den Steilhängen von Maring, Neumagen, Pommern oder gegenüber von Wolf zu erkennen. Einige davon überdauern seit dem 17. Jahrhundert die Zeit. Aber Unikate sind sie alle.

Mosel, Sonnenuhren, Ürzig

Die Ürziger Sonnenuhr

Die vermutlich älteste Sonnenuhr an der Mosel ist die von 1526 an der evangelischen Kirche St. Peter in Traben-Trarbach. Die Zeltinger rühmen sich damit, das größte Exemplar in den Weinbergen Deutschlands zu besitzen. Und die Ürziger Sonnenuhr  sticht als einzige der alten Sonnenuhren mit römische Ziffern heraus.

Riesling von der Wehlener Sonnenuhr

Zu den berühmtesten Exemplaren zählen neben der Wehlener Sonnenuhr, die benachbarte Zeltinger Sonnenuhr ebenso wie die Sonnenuhr im Brauneberger Juffer. Denn diese Sonnenuhr-Weinberge zählen zu den besten Lagen in der Region. Immerhin sind die nach Süden gerichteten Hänge echte Sonnenfänger.

Damit die ganze Welt davon erfährt, wurden viele Weinberglagen nach ihnen benannt. Und so wurde im August 1913 aus der  „Lammerterlay” die „Wehlener Sonnenuhr”, die heute zu den bekanntesten Riesling-Lagen rund um den Globus gehört.

Sonnenuhr, Weinberg, Gleitschirmflieger

Ohne 7: Die Wehlener Sonnenuhr

Und da ist noch etwas, das die Wehlener Sonnenuhr von allen anderen Sonnenuhren an der Mosel unterscheidet: Eine 7 sucht man auf ihrem Zifferblatt vergebens. Ob der Erbauer sie tatsächlich verschusselt hat? Oder war er etwa abergläubisch und fürchtete die magische 7?

In Wahrheit war der Anlass rein pragmatischer Natur: Die Sonnenuhr ist so platziert, dass sie jeweils um sieben Uhr morgens und abends im Schatten liegt. Also hat er die Zahl, die ohnehin nie angezeigt würde, gleich weggelassen.

8 x Wissen rund die Sonnenuhr

1 – Sechs Einzellagen im Anbaugebiet Mosel sind nach den Sonnenuhren im Weinberg benannt. Und zwar in Brauneberg, Maring-Noviand und Neumagen, genauso wie in Wehlen, Pommern und Zeltingen.

2 – Bis zur Änderung des Weingesetzes 1971 gab es zudem die Lagenbezeichnung Ürziger Sonnenuhr. Sie liegt an Flusskilometer 119 in einer imposanten Felsenlandschaft. Heute sind die Reben, die in der Lage Ürziger Würzgarten auf der Sonnenuhr wachsen, im Besitz des Weinguts Benedict Loosen Erben.

3 – Die Ürziger Sonnenuhr wurde an die Außenwand eines Turm einer ehemaligen Burganlage gebaut. Der Trierer Erzbischof Arnold ließ die Burg im 13. Jahrhundert zerstören. Dahinter verbergen sich zwei Wohnräume in übereinanderliegenden Geschossen.

4 – Der Weinberg Neumagener Sonnenuhr zählt mit gerademal 0,38 Hektar zu den kleinsten in ganz Deutschland. Sie liegt auf der rechten Moselseite zwischen Trittenheim und Neumagen und ist eingebettet in die Weinlage Neumagener Rosengärtchen.

Brauneberger Juffer Sonnenuhr

Sonnenuhr im Brauneberger Juffer

5 – Die Brauneberger Juffer Sonnenuhr ist bislang die einzige im Tal, die von Sommer- auf Winterzeit umgestellt werden kann. Natürlich wird für den Werbegag nicht der Zeiger vor- oder zurückgedreht, sondern ein anderes Ziffernblatt unterlegt.

6 – Die Zeltinger Sonnenuhr wurde vermutlich 1620 von einem Abt des Klosters Himmerod erbaut. Über 220 Jahre später ließ Jodocus Prüm, Bauherr der Wehlener Sonnenuhr, den antiken Zeitmesser am Ortseingang renovieren.

7 – Die Pommerner Sonnenuhr ist eine der wenigen Sonnenuhren, an der man unmittelbar über Weinbergpfade vorbeiwandern kann. Der Moselsteig, Etappe 19 von Cochem bis Treis-Karden, führt dort entlang. Direkt davor bietet ein Tisch mit Bank ein schönes Plätzchen für eine Rast.

8 – Seit den 1930er Jahren steht eine Sonnenuhr in der gleichnamigen Weinlage in der Gemeinde Maring-Noviand. Dank LED-Strahlern ist das gute Stück inzwischen auch in der Nacht gut zu sehen.

 

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