Sonnenuhren ticken richtig – und dennoch gehen sie falsch

Wenn die Sonne an der Mosel scheint, zeigen über 100 Sonnenuhren, was die Stunde geschlagen hat. Allerdings nur, wenn man sie richtig lesen kann. Denn die Schönwetter-Anzeiger im Weinberg ticken zwar richtig – dennoch gehen sie falsch. Warum das so ist, steht hier.

Wehlener Sonnenuhr, Mosel

Die Wehlener Sonnenuhr

Wenn die Sonne scheint, weiß jeder, der in Wehlen unterwegs ist, wie viel Uhr es ist. Denn in dem Ortsteil von Bernkastel-Kues wimmelt es von nostalgischen Zeitanzeigern. Schon mehr als 50 Sonnenuhren schmücken Hauswände, Gärten und die Wehlener Brücke. Tendenz steigend.

Den Stein ins Rollen brachte Jodocus Prüm, seines Zeichens Bruder des Namensgebers des Weingutes S.A Prüm, als er 1842 einen geräuschlosen Zeitmesser in den Weinberg gegenüber von Wehlen setzte. Inmitten der Schieferfelsen der Lage „Lammerterlay”.

Die Sonnenuhren von Wehlen

Heute gibt es in Wehlen horizontale und vertikale Sonnenuhren. Ebenso Würfel-Sonnenuhren oder Äquatorial-Sonnenuhren in Form einer Kugel. Sogar digitale Exemplare, bei denen die Sonne durch ein Zahlenband scheint. 

Sonnenuhr-Bauer waren schon immer verrückt nach Superlativen. Während zum Beispiel Kaiser Augustus im Jahr 10 v. Chr. mit einem Obelisken als Besitzer der größten Sonnenuhr der antiken Welt in die Geschichte einging, will Wehlen das Dorf der 100 Sonnenuhren werden.

Mosel, Sonnenuhren, Wehlen

Sonnenuhr an der Wehlener Brücke

Allerdings zeigen Sonnenuhren eine andere Zeit als mechanische Uhren, nämlich die sogenannte Wahre Ortszeit (WOZ). Das heißt, wenn die Sonne in Wehlen am höchsten steht, fällt der Zeigerschatten der steinernen Uhr im Weinberg genau auf die Zwölf.

Würden wir uns heute noch nach der Sonne richten, hätte jeder Ort seine eigene Zeit. Je nach Sonnenstand und geografischer Lage. Als die Sonnenuhren entstanden, war das noch kein Problem. 

Sonnenuhren zeigen die wahre Ortszeit

An der Mosel gaben die Sonnenuhren den Weinbergsarbeitern den Startschuss fürs Mittagessen und ließen sie wissen, wann Feierabend war. Nur das war wichtig. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galt die Sonnenuhr-Zeit als die genauere, obwohl es mechanische Uhren längst gab.

Doch mit dem Siegeszug der Eisenbahn änderte sich alles. Denn weil die Uhren in jedem Ort anders tickten, wurde die Berechnung der Fahrpläne kompliziert. Deshalb gilt seit dem 1. April 1893 nun an allen Orten unserer Zeitzone offiziell jene Zeit, auf die man sich damals geeinigt hat.  

Mosel, Sonnenuhren, Zeltingen

Die Zeltinger Sonnenuhr

Deutschland liegt in der Zeitzone der mitteleuropäischen Zeit (MEZ), die der Ortszeit des 15. Längengrades östlich von Greenwich einspricht. Weil dieser Längengrad zum Beispiel Görlitz durchschneidet, steht die Sonne dort tatsächlich gegen 12 Uhr mittags im Zenit.

Doch je weiter man in Richtung Westen reist, desto mehr hinken die Sonnenuhren der amtlichen Uhrzeit hinterher. Deshalb ergibt sich am siebten Längengrad an der Mosel eine Differenz um 32 Minuten.

Die historischen Sonnenuhren im Tal gehen also um rund eine halbe Stunde nach. Demnach muss man im Sommer sogar eine Stunde und 32 Minuten hinzuzählen, um zu wissen, was die offizielle Stunde geschlagen hat.

Mosel, Sonnenuhren, Ürzig

Die Ürziger Sonnenuhr

Schon die alten Ägypter maßen mit den Schönwetter-Anzeigern die Zeit. Beliebt sind sie bis heute. Die Ur-Mutter aller Uhren gehört zu den Markenzeichen der Region. Schon von weitem sind sie in den Steilhängen von Maring, Neumagen, Pommern oder gegenüber von Wolf zu erkennen. Unikate sind sie alle.

Die vermutlich älteste Sonnenuhr an der Mosel ist die von 1526 an der evangelischen Kirche St. Peter in Traben-Trarbach. Die Ürziger Sonnenuhr hat als einzige der alten Sonnenuhren römische Ziffern.

Riesling von der Wehlener Sonnenuhr

Zu den berühmtesten Exemplaren zählen neben der Wehlener Sonnenuhr, die Zeltinger Sonnenuhr ebenso wie die Sonnenuhr im Brauneberger Juffer. Denn die Sonnenuhr-Weinberge zählen zu den besten Lagen in der Region.

Etwa um 1900 wurde aus der  „Lammerterlay” die „Wehlener Sonnenuhr”, die zu den bekanntesten Riesling-Lagen der Welt gehört.

Sonnenuhr, Weinberg, Gleitschirmflieger

Ohne 7: Die Wehlener Sonnenuhr

Und da ist noch etwas, das die Wehlener Sonnenuhr von allen Sonnenuhren an der Mosel unterscheidet: Eine 7 sucht man auf ihrem Zifferblatt vergebens. Ob der Erbauer sie verschusselt hat? Oder war er abergläubisch und fürchtete die magische 7?

In Wahrheit war der Anlass rein pragmatischer Natur: Die Sonnenuhr ist so platziert, dass sie jeweils um sieben Uhr morgens und abends im Schatten liegt. Also hat er die Zahl, die ohnehin nie angezeigt würde, gleich weggelassen.

 

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