Winningen: Horch, großer Wein und der Ortsfunk

Was unterscheidet Winningen von anderen Moselorten? Wer hinfährt fährt, entdeckt: Weltberühmten Riesling, den kuriosen Ortsfunk und eine Autobahnraststätte als Touristenmagnet. Angestoßen wird mit Eierwein.

Autobahnbrücke Winningen

Aussicht auf die Moseltalbrücke. Foto: Medienbüro Terrassenmosel/Regiopress Klaus Lammai

Winningen. Wenn der Name fällt, denken viele sofort an Remmidemmi und Busse voller schunkelnder Kegelbrüder und Kegelschwestern. Dafür war der Weinort an der Mosel auch lange bekannt. Doch heute kommen Tausende, um sich die Werke internationaler Künstler anzusehen oder um sich beim Steillagenfest auf eine Weinwanderung der ganz besonderen Art zu begeben.

In den Kellern der Winzerbetriebe reifen einige der prominentesten Rieslingweine der Welt. Es gibt einen Yachthafen mit allem Pipapo, ein idyllisch gelegenes Freibad in der Nachbarschaft  und eine rege besuchte Camping-Insel. Es gibt sogar einen Berggolf-Platz. Nie gehört? Bei dieser Sportart schlagen die Spieler die Bälle in große Taschen am steilen Hang. Und wer das alles von oben sehen will, kann vom nahe gelegen Flugplatz zu Rundflügen über Rhein und Mosel abheben.

Moseltalbrücke, Winningen

Die Moseltalbrücke

Ob nun über die Schiene, übers Wasser, über die Straße oder aus der Luft – kaum ein anderer Moselort ist leichter erreichbar.

Und wo sonst gehören sogar Autobahnraststätten zu den Touristenmagneten? Tatsächlich trifft man auf den Parkplätzen an der A61 nahezu immer auf Menschtrauben. Denn die Aussichtspunkte neben der 136 Meter hohen Moseltalbrücke bieten den besten Blick auf die einzigartige Landschaft der Terrassenmosel. Die Raststätte dient auch Pilgernden auf dem Mosel-Camino als Verpflegungsstation. Sogar der Jakobsweg-Stempel ist dort erhältlich.

So kommt man hin: Über die A61, Rastplatz „Aussichtspunkt Moseltal”.

Der Mosel-Apollo aus Winningen

Nur acht Kilometer flussabwärts verabschiedet sich die Mosel bei Koblenz in den Rhein – allerdings nicht ohne sich zuvor noch einmal von ihrer Schokoladenseite zu zeigen. In spektakulären Steillagen wachsen die Reben in fast zwanzig übereinander getürmten Parzellen heran. Hier sind der berühmte Winninger Uhlen und der Röttgen zuhause.

Welcher andere Ort hat schon einen eigenen Schmetterling zu bieten? Denn in diesen Felsterrassen flattert der vom Aussterben bedrohte Mosel-Apollo herum. Ein Unikum und Liebling der Schmetterlingskundler. Tatsächlich weist sein lateinischer Name „Parnassius apollo vinningensis” auf Winningen hin. 

Apollo-Falter, Winningen, Mosel

Der Mosel-Apollo

Winningen und seine Weinfeste 

Gefeiert wird natürlich noch immer – stets und ständig. Zum Saisonauftakt wird am Ostersonntag das Ostereierkibben zelebriert. Wie der Wettkampf mit einem Ei als Waffe funktioniert, lässt man sich am besten vor Ort erklären. Zu dem uralten Brauch gehört der natürlich der Eierwein. Für die Winninger Spezialität werden Riesling, Eier, Zucker und Vanillezucker miteinander verschlagen. Prost!

Zum Abschluss des Jahres funkelt ganz Winningen im Lichterglanz. Mit illuminierten Häusern, unzähligen Lichterketten, über einhundert Ständen, sogar mit Rentieren und Eiskönigin gibt es am ersten Adventswochenende die volle Vorweihnachtsdröhnung.

Und dazwischen? Zum Beispiel rufen die Winzer und Winzerinnen immer am dritten Sonntag im Mai zum Steillagenfest, um entlang einer ganz besonderen Wanderroute ihre Schätze auszuschenken. Denn dabei zieht die Karawane mitten in den Weinterrassen von Stand zu Stand – eine grandiose Aussicht auf die Mosel gibt es inklusive. Mit der Sommer Riesling Party haben es die jungen Winzer und Winzerinnen in den  Terminkalender geschafft.

Und Ende August folgt mit dem Moselfest das mit 10 Tagen längste Weinfest an der Mosel. Dabei von jeher präsent: Etliche Kegelclubs von Rhein und Ruhr und die Winninger Weinhex.

Wer ist die Winninger Weinhex?

Was es damit auf sich hat? Zum einen ist die Winninger Weinhex eine Großlage im Weinanbaugebiet, die bis 1971 noch Heideberg hieß. Sie ist eng mit dem düstersten Kapitel der Ortsgeschichte verbunden. Denn im Heideberg wurden 21 Winninger Männer und Frauen während der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert hingerichtet. Ein Gedenkstein auf dem Hexenhügel in der Nähe des Flugplatzes erinnert an die Opfer. Die Namen findet man noch heute im Ort.

Tipp: Im Winninger Hellenweg liegt der Einstieg in den rund 8 Kilometer langen Rundwanderweg Hexenpfad. Er verbindet den Autobahnrastplatz Moseltalbrücke mit weiteren schönen Aussichtspunkten und führt am Gedenkstein vorbei. Zu den Sehenswürdigkeiten an der Strecke gehört auch die frühere Mineralwasserfabrik im Belltal.

Winningen, Terrassenmosel

Blick auf die Steillagen

Die Weinhex ist längst aber auch eine Symbolfigur, die nichts mit der echten Historie gemein hat. Die Legende kennt in Winningen jeder Kind. Sie erzählt vom Winzer Veit Mertens, genannt Pfeifenhannes, aus dem 17. Jahrhundert. Er wunderte sich, dass in seinen besten Fässern der Pegelstand stetig sank. Schuld konnten nur die Hexen sein! Deshalb legte er sich auf die Lauer und wartete ab.

Und tatsächlich: Nach einigen Tagen machte sich eine dunkle Gestalt an seinem Wein zu schaffen. Der Pfeifenhannes sprang aus seinem Versteck und schlug auf die Weinhexe an. Doch dann, oh Schreck, erkannte er seine eigene Frau.

Tipp: Für Frauen gibt es die „Weinhex-Führung” – im Dunkeln und mit Fackeln. Mehr Infos: Touristik Winningen, Tel. 02606 – 2214.

Flüssige Sehenswürdigkeiten im Spital

Der Weinhof mit dem Weinhexbrunnen ist das Epizentrum des Moselfests. Dort haben sich über die Jahrhunderte hinweg die die schönsten Fachwerkhäuser angesammelt.

Zum Beispiel das Winninger Spital. Etwa 500 Jahre hat der ansehnliche Fachwerkbau schon auf dem Buckel. Doch obwohl der Name danach klingt, ist es noch nie ein Krankenhaus gewesen. Tatsächlich bot das Haus früher Handwerkern auf der Walz und Pilgern Unterkunft und Rast.

Heute ist es der Anlaufpunkt für Weinliebhaber, Kunstfreunde und Reisende, auf der Suche nach Information. Die Betreiber des Hauses, Martina und Lothar Kröber, geben ihr Wissen über ihren Heimatort, Besonderheiten des Moseltals und speziell den Winninger Wein gerne an Interessierte weiter. Ob nun bei Wein-Wanderungen, Führungen durch die Gemeinde oder bei Weinproben an diesem historischen Ort. Denn in der Vinothek können die Weine von etwa 20 lokalen Winzerbetrieben, die verkostet werden. Abseits vom Wein zeigen Künstlerinnen und Künstlern im Spital ihre Werke.

Kunststage und Wein-Architektur

Vor allem mit den Kunsttagen im Zweijahrestakt hat sich die Gemeinde längst einen Namen gemacht. Zu diesem Anlass präsentieren Kunstschaffende drei Tage lange an spannenden Orten Rauminstallationen, Malerei oder tonnenschwere Skulpturen. Zum Beispiel in Weingütern, in der Vinothek oder in Kirchen. Geboten wird erstklassige Kunst auf internationalem Niveau – im traditionellen Winzerort an der Mosel.

Der Weinhof ist ein besonders lauschiges Plätzchen mit sehenswerter Architektur. Wer braucht Oberammergau mit seiner Lüftelmalerei, wenn er Winningen haben kann? Man beachte die kunstvoll bemalte Fassade der alten Post, der Hausnummer 4. Doch wer durch den 2500-Einwohner-Winzerort läuft, entdeckt an vielen Ecken gepflegtes Fachwerk und andere interessante Häuser.

Etwa die ehemaligen Schule, die heute ein Museum beherbergt. Das Baudenkmal von 1833 stammt aus der Feder des Architekten Johann Claudius Lassaulx, der auch die Matthiaskapelle auf Vordermann brachte.

Tipp: Im Museum bieten seltene Exponate Einblicke in das Leben in einer Winzergemeinde – von der Frühzeit des 871 erstmals erwähnten Dorfes bis heute. Und wer möchte, kann sich in einem über sechs Tonnen schweren 30.000 Liter-Fass ein Gläschen gönnen.

Winningen, Weingut Löwenstein, Ode an den Wein

Die „Ode an den Wein“ in Schönschrift.

Mit rund 950 Jahre zählt das Stammhaus des Weinguts Freiherr von Heddesdorff zu den ältesten Gebäuden im Dorf. Aber Winningen kann auch modern. In der Bahnhofstraße bleiben Passanten stehen, um zu entziffern, was auf dem Kubus neben der Villa des Weinguts Heymann-Löwenstein steht.

Denn das etwa acht Meter hohe Gebäude ist überzogen von einer aus Edelstahl gefertigten Kalligraphie. Es ist die Ode an den Wein, verfasst vom chilenischen Nobelpreisträger Pablo Neruda.

Winningen und der Ortsrundfunk

Überraschungen sind für Ortsunkundige in Winningen Tagesgeschäft. Denn zweimal am Tag, um 12 und 17 Uhr, wird die gesamte Gemeinde wie aus heiterem Himmel mit Marschmusik beschallt. Nach der Erkennungsmelodie verkünden Mitarbeiter der Gemeindeverwalter Neuigkeiten. Etwa die ärztlichen Bereitschaftszeiten oder dass die Kirchenchorprobe ausfällt. Bürger lassen wissen, dass sie eine Wohnung vergeben oder ihre Katze suchen. Private Durchsagen kosten pro Ausruf 7 € und werden maximal zweimal gemacht.

Nachricht verpasst? Kein Problem, auf der Homepage der Gemeinde werde aktuelle Meldungen zum Nachlesen gesammelt.

Tatsächlich gehört Winningen zu den wenigen Ort, die noch einen Ortsfunk haben. Zwar wurden in den 1940er Jahren nahezu überall solche Anlagen installiert. Aus Gründen. Aber in die meisten Dörfer haben den Betrieb schon vor Jahrzehnten eingestellt. Anders als der Name „Funk“ suggeriert, werden die rund 2500 Winninger Bürger und Bürgerinnen bis heute über rund 200 Lautsprecher auf dem Laufenden gehalten.

Darunter die Schriftstellerin Anne von Canal („Der Grund”). Oder der der Fotodesigner Stephan Horch, der Plastikmüll aus der Mosel in bizarre Kunstwerke verwandelt. Auch Ritz-Carlton-Gründer Horst Schulze, Ehrenbürger und Ehrenwinzer der Gemeinde, zieht es immer wieder in seine Heimat zurück. 

Zylinderhaus, Bernkastel, Horch

Horch im Zylinderhaus.

Auf den Spuren von August Horch

Doch der berühmteste Sohn der Gemeinde ist und bleibt August Horch. Mit seinen Erfindungen, wie dem ersten Vierzylinder-Motor in einem deutschen Auto, war der Winninger Ehrenbürger seiner Zeit weit voraus. Nachdem er im Jahr 1909 die damalige Horch & Cie. Motorwagen Werke AG in Zwickau verlassen musste, gründete er ein neues Unternehmen. Da er aber seinen Nachnamen aber nicht mehr nutzen durfte, übersetzte er ihn in das Lateinische: Die Automarke Audi war geboren. Im Zylinderhaus in Bernkastel-Kues sind einige seiner Autos ausgestellt.

Heute liegt der Automobil-Pionier, der selber tatsächlich nie einen Führerschein besaß, auf dem Winninger Friedhof begraben. Dessen Geburtshaus ist heute eine Pension. Und im Museum sind in einer Sonderausstellung zahlreiche Fotos aus seiner Winninger Zeit zu sehen. Die Winninger können viele Geschichten über August Horch erzählen. Wer sie hören möchte, kann zum Beispiel im Winninger Spital eine Horch-Führung buchen. Das Haus der Horch-Enkelin Heike ist eine der Stationen auf dem Rundgang.

Und nun sage nochmal jemand, in Winningen gäbe es nur Remmidemmi und Busse voller schunkelnder Kegelbrüder und Kegelschwestern.