Über diese Brücke musst du gehen

Im Hunsrück ist etwas Spektakuläres entstanden: die längste Hängebrücke Deutschlands. Auf der Geierlay kann man jetzt in 100 Metern Höhe über ein Seitental der Mosel spazieren. Ein Abenteuer für alle, die schwindelfrei sind.

Hunderte ziehen über die neue Hängebrücke im Hunsrück.

Abenteuer im Hunsrück: Schon über 100 000 Besucher haben die Hängebrücke getestet.

Normalerweise geht es in Mörsdorf eher beschaulich zu. 600 Einwohner, eine Zwergschule, zum Großeinkauf fahren die Mörsdorfer in die Stadt.

Die Gemeinde liegt mitten im Hunsrück, rund 15 Kilometer von Cochem und Remmidemmi entfernt. Das ist zwar nicht gerade am Arsch der Welt, doch man kann ihn von hier aus schon sehen. Wer Ruhe in der Abgeschiedenheit sucht, ist in Mörsdorf also normalerweise goldrichtig. 

Neuerdings jedoch sind am Wochenende Einweiser nötig, um den Besucherverkehr zu regeln. Denn hier ist etwas Spektakuläres entstanden: Die längste Hängeseilbrücke nördlich der Alpen.

Seit Oktober vergangenen Jahres kann man hier rund 100 Meter über einem bislang eher unbekannten Seitental der Mosel spazieren gehen.

Touristenmagnet Hängebrücke

Wir finden einen Parkplatz am Besucherzentrum und folgen zu Fuß dem Hinweisschild „Hängeseilbrücke Geierlay”. An der nächsten Kreuzung wissen wir nicht mehr weiter.

Das Besucherzentrum der Hängebrücke.

„Das kann doch jetzt nicht immer so weitergehen”, sagt eine Frau am Straßenrand zu ihrem Begleiter mit Blick auf die vielen Touristen. Offenbar eine Anwohnerin.

Ich frage lieber zwei Passanten, wo es lang geht. „Erst rechts, dann links und dann folgen Sie einfach den Menschenmassen”, klärt mich eine Mörsdorferin auf.

‚Über diese Brücke musst Du gehen’ lautet der Werbe-Slogan und immer mehr Touristen nehmen ihn wörtlich. Allein in den ersten drei Wochen nach der Eröffnung strömten rund 45 000 Menschen in den einsamen Hunsrück, um die Geierlay zu überqueren. 

Bis zum Jahresende stieg die Zahl auf über 100 000. Wagemutige aus Frankreich, Holland und England fallen in die kleine Gemeinde ein. Mörsdorf – eine Art Wacken im Hunsrück.

 

Die Karawane zieht zur Hängebrücke.

So sieht es seit Oktober in Mörsdorf aus.

Hinter einer Kurve entdecken wir die Massen auch schon und können uns nun gut vorstellen, was in Mörsdorf seit einigen Wochen los ist. Clevere Anwohner verkaufen Waffeln oder Bratwurst am Straßenrand. 

Wir schließen uns der Karawane an und laufen über einen etwa 1,5 Kilometer langen Feldweg in den Wald. Schilder informieren unterwegs über Windkraft und die Hunsrück-Landschaft. Nett gemacht. Liest allerdings kein Mensch. Alle wollen zur Brücke.

Ein Bauwerk wie im Hochgebirge

Da steht sie nun und sieht einfach toll aus. Nach dem Vorbild nepalesischer Hängeseilbrücken schwingt sich die Geierlay von einem Brückenkopf zum anderen. 360 Meter lang ist der Weg zwischen Mörsdorf und Sosberg am anderen Ende der Stahl-Holz-Konstruktion.

Es ist es schwierig einen guten Platz zum Fotografieren zu finden. Die Bänke sind vollbesetzt, überall stehen Leute aller Altersgruppen herum. Einige fachsimpeln, manche verkünden, dass sie keinesfalls einen Fuß auf die Holzplanken setzen werden.

 

Auf der Hängebrücke drängeln sich die Menschenmassen.

Wandern mit Gegenverkehr. Wer stehen bleibt, macht sich unbeliebt.

Eine Menschenmenge drängelt sich wie auf einer Ameisenstraße über das imposante Bauwerk. Wir reihen uns ein. Die Hängebrücke wackelt. „Das wird noch schlimmer”, verspricht mir ein entgegenkommender Mann mit blassem Gesicht. Er hat den Weg zur anderen Seite bereits geschafft und ist auf dem Rückweg. Ich stapfe weiter. Die Brücke schwankt.

Ein Mann hintern mir spekuliert nervös (und vor allem laut) über Anzahl der Besucher und wie viele Menschen die Brücke wohl trägt. Mir wird mir komisch.

Die Geierlay hält 50 Tonnen Maximallast aus, versichere ich mir. So stand es im Netz. Sogar Windstärken bis zu 200 Stundenkilometern kann die Hängebrücke verkraften.

 

Hunderte schieben sich über die Hängebrücke.

 

Die Fundamente der beiden Brückenköpfe stecken 25 Meter tief im Felsen. Zudem ist die Konstruktion mit Sicherungen versehen, so dass sie gar nicht stark schwanken kann

Tapfer mache ich weitere Schritte – bis die Brücke wieder schwankt. 

„Keine Sorge, die stammt nicht aus China”, versichert eine Passantin ihrer Begleiterin. Genau, die Geierlay ist eine sichere Sache, hier waren Schweizer Spezialisten am Werk!

Eins ist klar: Bei der Passage über die etwa einen Meter breite Brücke kommt Abenteuer-Atmosphäre auf. Der Adrenalinkick ist gewiss. Wer unter Höhenangst leidet, sollte es sich zweimal überlegen. Kinder und Hunde gehören – wie es scheint – zu den entspanntesten Brückenbenutzern.

Ich jedenfalls feiere den Moment als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe.

 

Besucheransturm im kleinen Mörsdorf

Übers Feld geht’s zurück ins Dorf. Fotos: Jörg Haubrich

 

Info: Wo, was, wann

 

Hängebrücke in Mörsdorf

Besucherzentrum Geierlay
Kastellauner Straße 23
56290 Mörsdorf
www.geierlay.de

Euch gefällt dieser Beitrag? Dann teilt ihn bitte – und folgt mir auf meiner Facebookseite!