Darum glänzt Traben-Trarbach mit Jugendstil

Jugendstil? Da kommt den meisten zunächst Brüssel oder vielleicht Berlin in den Sinn. Aber sicher nicht Traben-Trarbach. Dabei hat die Kleinstadt an der Mosel bemerkenswerte Gebäude dieser Epoche. Aber warum gibt es ausgerechnet dort diese Spektakel-Architektur?

Jugendstil, Traben-Trarbach, Villa Breucker

Die Villa Breucker

Da bevölkern Trauben und Blätterornamente eine Fassade. Dort schaut eine grimmige Fratze auf die Straße hinab. Hier Erker und Gesimse. Dort riesige Häuser in moselländischer Fachwerkarchitektur. Für eine Kleinstadt hat Traben-Trarbach erstaunlich viele pompöse Gebäude.

Vor allem die extravaganten Jugendstil-Villen an der Promenade fallen sofort auf. Allerdings ist Baukunst dieser Art hierzulande eigentlich eher in Metropolen wie Berlin anzutreffen. Oder in Industriezentren an Rhein und Ruhr. Die Spektakel-Architektur am Ufer der Mosel überrascht. 

Promenade mit Jugendstil

Aber tatsächlich zählt das rund 6500 Einwohner-Städtchen sogar zu den Orten mit wichtiger Jugendstil-Architektur. Eben jener Baustil, der einer rasanten Industrialisierung um die vorletzte Jahrhundertwende verspielte Formen entgegensetzte.

Dabei waren florale Ornamente, geschwungene Linien und Tiere als Symbole der letzte Schrei. Inspiriert von der Natur, schufen ambitionierte Architekten Gesamtkunstwerke im neuen Stil. In den imposantesten Gebäuden dieser Zeit war von den Innenräumen bis zur Fassade alles „Belle Époque”. 

Hotel Bellevue, Jugendstil-Element

Fassade vom Jugendstilhotel Bellevue

Wie kann es sein, dass man seinerzeit ausgerechnet in Traben-Trarbach so großzügig baute? Das lag vor allem am Riesling, der in die Kelche der Reichen und Mächtigen dieser Erde floss. Es ist das spannendste Kapitel in der Geschichte dieser Stadt.

Die ganze Welt kaufte Riesling

Um 1900 hatte Traben-Trarbach einen Ruf wie Donnerhall. Die Millionärsdichte in dem Städtchen war hoch, denn der Moselwein hatte vielen Bewohnern ein Vermögen beschert.

Immerhin rund einhundert Kellereien und Händler hatten in dem Mosel-Städtchen ihren Sitz, um ihre gewaltigen Fässer mit Bahn und Schiff in die ganze Welt zu exportieren. Ob nun quer durchs Deutsche Reich, nach Holland oder Russland. Auch Skandinavier, Engländer und ebenso Amerikaner füllten sich ihre Keller mit Moselwein.

Mosel, Traben, Lorettahaus

Das Lorettahaus in Traben

Ein gewichtiger Grund war die spezielle politische Situation. Denn Traben-Trarbach war eine protestantische Enklave im katholischen Erzbistum Trier. Deshalb pflegte man beste geschäftliche Kontakte mit den Glaubensbrüdern in England oder Holland und auch mit der Reichshauptstadt Berlin. 

„1903 wurden von Traben-Trarbach 65.000 Fuder Wein weltweit verschickt”, informiert eine Ausstellung der Casino-Gesellschaft die Besucherinnen und Besucher. „Aneinandergereiht würden sie die Strecke des Mosellaufs zwischen Traben-Trarbach und Cochem ergeben.” Ein Fuder entspricht circa 960 Litern. Das macht also 85 Millionen Flaschen Wein!

Größter Weinhandelsplatz im Kaiserreich

Traben-Trarbach schwang sich auf zum größten Weinhandelsplatz im Deutschen Kaiserreich. Es heißt sogar, nur Bordeaux habe seinerzeit in Europa mehr umgeschlagen. Auf den Weinversteigerungen wurden Preise wie nie zuvor erzielt.

Alter Bahnhof, Traben

Alter Bahnhof in Traben, heute Touristen-Info

Der Riesling war flüssiges Gold. Während den Katholiken der Handel weiter verboten blieb, entstand ein wohlhabendes Bürgertum. Und ein unvergleichlicher Bauboom begann.

Ein prächtiger Bahnhof und das Trabener Rathaus wurden gebaut. Ebenso die Moselbrücke, die von nun an Traben mit Trarbach verband. Am Trabener Brückenkopf entstand das riesige Kaiserliche Postgebäude sowie das Lorettahaus mit seinen Erkerchen und Türmchen.

Ein wunderbares Ensemble im Stil des romantischen Historismus, dessen Figuren auf der Fassade Passanten Geschichten erzählen.

Kaiserliches Postamt, Traben-Trarbach

Das Kaiserliche Postamt in Traben-Trarbach

Zeitgleich wurden unterirdisch Keller gemauert oder in den Schieferfelsen gehauen. Denn um all die Fässer lagern zu können, brauchten die Händler immer mehr Platz. Dabei entstand ein rund 20 Kilometer langes Labyrinth, wie man es nirgendwo sonst an der Mosel findet.

Traben-Trarbachs Unterwelt

Etwa 15 000 Fuder, also 15 Millionen Liter Wein, lagen 1899 unter dem Pflaster der Stadt. Untergebracht in teilweise mehrstöckigen und über 100 Meter langen Kellergewölben. Einige davon verwandeln sich heute in der Adventszeit in den Mosel-Wein-Nacht-Markt.

Traben-Traben, Weihnachtsmarkt

Der unterirdische Weihnachtsmarkt im Keller.

Wer im Sommer wissen möchte, wie es in der sogenannten „Vinotropolis” aussieht, schließt sich einer Führung an. Der „Ausflug in die Traben-Trarbacher Unterwelt” leitet Interessierte 90 Minuten lang durch drei dieser Keller. 

Oberirdisch investierten die Weinbarone und Hoteliers in repräsentative Villen. Goldmark hatten sie ja genug, sogar für Kunst am Bau. Und Platz war nach zwei verheerenden Stadt-Bränden reichlich vorhanden. Wer damals auf sich hielt, der heuerte den Baumeister Bruno Möhring an, einer der kreativsten Jugendstil-Architekten Deutschlands.

Bruno Möhring und Jugendstil

Der Mann, dessen Handschrift sich in Traben-Trarbach bis heute deutlich zeigt, hat zum Beispiel in Berlin den Bülowbogen entworfen. Er war der geistige Schöpfer der Rheinbrücke in Bonn. Ebenso der Dortmunder Maschinenhalle Zeche Zollern II/IV.

An der Mosel entstanden insgesamt acht Gebäude nach Entwürfen des prominenten Berliners. Und jedes davon ist ein Schmuckstück für sich. Zudem schuf der Architekt ein filigranes Grabmal für den Weinhändler Oskar Haussmann auf dem Friedhof in Traben.

Mosel, Brückentor, Trarbach

Brückentor von Bruno Möhring

Doch was führte den prominenten Baumeister überhaupt in die Provinz? Es war der Wettbewerb um den Bau der wichtigen Brücke. Möhring hatte das Rennen gemacht und 1899 einen eisernen Bogen über die Mosel gespannt.

Es war die allererste Straßenbrücke zwischen Bernkastel und Koblenz. Um seine Stabilität zu prüfen, rollten die Traben-Trarbacher fast 200 mit Wasser gefüllte Weinfässer auf den Übergang.

Zur Krönung gönnte man sich ein prächtiges Brückentor, vom Meister verziert mit Jugendstil-Elementen. Danach regnete es Aufträge für den detailverliebten Architekten.

Villa Huesgen, Traben

Die Villa Huesgen in Traben

Eine Tour zu den schönsten Jugendstil-Gebäuden kann man über die Tourist-Information buchen. Etwa zur Villa Huesgen, ein Gesamtkunstwerk feinbürgerlicher Grandezza. Mit eigenem Treppenhaus fürs Personal und Theatersaal unterm Dach.

Eine Million Goldmark soll das Anwesen im Jahr 1904 gekostet haben. Macht heute etwa neun Millionen Euro. „Mosel-Bismarck” wurde Bauherr und Weingutbesitzer Adolph Huesgen damals genannt.

Villa Breucker, Jugendstil, Traben-Trarbach

Die Villa Breucker, später Nollen

Oder die ein Jahr später fertiggestellt Villa des Weinhändlers Gustav Breucker. Ein kubisch-geometrischer Bau, dessen inzwischen türkisfarbenes Dach an der Trabener Promenade leuchtet. 1957 kaufte die Familie Nollen das Haus.

Jugendstil im Hotel Bellevue

Und der Baumeister Bruno Möhring war es auch, der mit dem „Clauss-Feist” das wohl schönste Jugendstilhotel des ganzen Landes entwarf.

Der Neubau bot seinen Gästen neben elegantem Interieur sogar elektrisches Licht. Das war derzeit noch lange nicht selbstverständlich. Damit auch jeder die Neuerung sah, verzichtete man auf Lampenschirme, um die Glühbirnen nicht zu verdecken.

Traben-Trarbach, Jugenstilhotel Bellevue, Fenster

Fenster im Jugenstilhotel Bellevue

In 1A-Lage am Fluss avancierte das Juwel zum ersten Haus am Platz. Baron von Thyssen gehörte zu den Gästen. Ebenso gaben sich Graf von Anhalt und der „Rote Baron“ Freiherr von Richthofen die Jugendstil-Klinke in die Hand. Später kam Heinz Rühmann, der an der Mosel vor der Kamera stand.

Und der Besuch lohnt sich noch heute. Denn die feine Herberge überstand nicht nur unbeschadet zwei Kriege. Sondern ebenso jene Zeit, in der man Jugendstil-Design als Kitsch auf den Sperrmüll verbannte.

Jugendstilhotel Bellevue, Traben

Das Jugendstilhotel Bellevue mit hauseigenem Amphicar

Zwar wurde aus dem mondänen Clauss Feist von 1903 das elegante Romantik Jugendstilhotel Bellevue. Doch hier ist immer noch alles Belle Époque. Von den Verzierungen an den Wänden über Spiegel und verschnörkelte Uhren bis hin zu den Glasmalereien der Fenster. Auch Lampen und Treppengeländer stammen aus Möhrings Feder. Man wähnt sich in einer anderen Welt.

Buddha-Museum im Jugendstil

Schräg gegenüber, auf der Trarbacher Seite, erhebt sich die ehemalige Weinkellerei Julius Kayser fast wie eine Burg. Noch bis Mitte der 80er-Jahre wurde dort Wein abgefüllt und gelagert. Dann kam das Aus für das einst so erfolgreiche Unternehmen.

Heute ist in dem Jugendstil-Schmuckstück von 1907 das Buddha-Museum untergebracht. Doch Deko-Elemente in Sachen Wein, zum Beispiel Bacchus-Köpfe auf Hähnen, blieben erhalten.

 

Buddha-Museum, Traben-Trarbach

Feinster Jugendstil: Das heutige Buddha-Museum

Auch abseits des Stadtzentrums findet sich noch heute ein Stück besterhaltene Belle Époque. Immerhin hat Traben-Trarbach als einziger Moselort eine Thermalquelle vorzuweisen. Schon vor über 100 Jahren kamen die Menschen zum Kuren ins Kautenbachtal. Allerdings hat sich das von Bruno Möhring entworfenen Kurhaus Bad Wildstein vor gut zwei Jahrzehnten in das „Ayuveda Parkschlösschen” verwandelt.

Und was längst nicht jeder weiß: Mit einem Winzerhaus und dem Weingut Langguth, hat der Berliner Architekt auch in Lösnich und Enkirch architektonische Schätze hinterlassen.

Möhrings eiserne Bogenbrücke wurde zwar in den letzten Kriegstagen 1945 gesprengt. Aber das von ihm entworfene Brückentor gehört noch heute zu den prominentesten Sehenswürdigkeiten in Traben-Trarbach. Darin soll es demnächst eine Ausstellung über das Werk des Architekten geben, der das Stadtbild maßgeblich geprägt. Es wird das erste Bruno Möhring-Museum in Deutschland sein.

 

Jugendstil erleben: Infos für den Besuch

Führungen in die Traben-Trarbacher Unterwelt: Gezeigt werden jeweils drei Weinkeller. Dazu gibt es Geschichte und Geschichten. Und natürlich ein Glas Wein. Anmeldung erforderlich.
Info: Tourist-Information, Am Bahnhof 5, 56841 Traben-Trarbach, Tel.: 0 65 41 – 8 39 80.

Tipp: Infos zu den Kellern gibt es auch mittels App außerhalb dieser Führung. Dafür wurden Schilder mit QR-Codes an jedem Kellergebäude angebracht. Das Smartphone erfasst den jeweiligen Standort und erstellt einen individuellen Kellerrundgang.

Jugendstil-Führung: Die Tour „Auf den Spuren der Belle Epoque” findet zwischen Ostern und Ende Oktober jeden ersten Sonntag im Monat um 11 Uhr Uhr statt. Treffpunkt ist an der Tourist-Information in Traben-Trarbach.

Ausstellung der Casino-Gesellschaft: „Der Moselweinhandel 1860 – 1918 und seine Bedeutung für Traben-Trarbach”. Hoch interessant, ohne Bling Bling. Denn mit historischen Fotos und Dokumenten gibt die Ausstellung seltene Einblicke in die goldenen Epoche der kleinen Stadt.

Interessant für alle, die mehr über die Hintergründe des enormen Wohlstands wissen wollen. Denn im Mittelpunkt stehen die Weingutsbesitzer und Händler, auf deren Namen man immer wieder trifft.
Info: Geöffnet samstags von 10-12 Uhr und 15-18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Moselstraße Ecke Augustastraße, 56841 Traben-Trarbach.

 

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