Nehren: Aufstieg ins Totenreich

In Nehren buddelten Archäologen Römergräber aus, die es in sich haben. Der Besitzer muss ein reicher Gutsherr gewesen sein. Doch erst der Blick durch das Guckloch in der Tür offenbart das Geheimnis.

Römergräber, Nehren, Sehenswertes

Schön rekonstruiert: Die Tempel über den Römergräbern.

Fast 20 Meter hohe Rundbögen einer Badeanstalt, Mosaike aus Tausenden von Steinchen oder ausgeklügelte Kelteranlagen. Zwar liegt die Blütezeit der Römer fast 2000 Jahre zurück, aber in Trier und überall entlang der Mosel finden sich noch heute Überreste des mächtigsten Reichs in der Antike. Die Eroberer betrieben nicht nur Weinanbau auf hohem Standard, mit ihnen kamen hochkarätige Architektur und Lebenskunst über die Alpen.

Zu einer Hochkultur zu gehören, brachte allerhand Annehmlichkeiten mit sich: Man vergnügte sich in Bädern, hatte Spaß in Theatern, aß ausgewählte Speisen oder wohnte in komfortablen Villen mit Fußbodenheizung.

ZUM WEITERLESEN

Porta Nigra, Römer, Trier

Römer an der Mosel
Diese Bauwerke haben es in sich»

 

Ja, das Leben im römischen Imperium konnte sehr angenehm sein. Wenn man nicht gerade als Legionär verpflichtet auf dem Schlachtfeld stand, arm wie eine Maus oder Sklave war.

Selbst über den Tod hinaus ließ sich die römische Elite nicht lumpen: Kostbare Vasen, Schmuck oder Schalen gaben sie ihren Verstorbenen mit auf ihre letzte Reise ins Jenseits. Etwa Kunstwerke wie das Diatretglas, das man in einem Sarkophag in Piesport fand. Oder das blaue Glasschiff aus dem Steinkammergrab von St. Aldegund. Weltweit fanden Archäologen bisher nur fünf ähnliche Boote. Diese Grabbeigaben kann man heute im Landesmuseum Trier oder auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein sehen. 

Erstaunliche Römergräber in Nehren

Von der Bestattungskultur der Römer künden zahlreiche Grabanlagen im Moseltal. Selten sind sie jedoch so gut erhalten wie in Nehren, wo heute zwei römische Totentempelchen in der Weinlage Römerberg stehen.

Römergrab, Nehren, Mosel

Die Römergräber über Nehren.

Nehren gehört zum sogenannten Cochemer Krampen, der Moselschleife zwischen Cochem und Bremm. Eine paar Weingüter, eine Pension, das Hotel Quartier André. Normalerweise leben weniger als 100 Menschen dort, aber während der Saison wächst das Dorf auf über 2000 Bewohner und Bewohnerinnen an. Die meisten von ihnen bevölkern den Campingplatz auf einer Halbinsel in der Mosel.

Als Nehren noch Villa Nogeria hieß, ließ ein wohlhabender Römer oberhalb des Dorfes zwei feudal ausgestattete Kammergräber für seine Sippe errichten. Allerdings sprachen die Einheimischen rund 1500 Jahre später nur noch vom „Heidenkeller” – ohne zu ahnen, welche Rarität sich dort oben in ihrem Weinberg verbarg. Bis die Archäologen kamen.

Denn während die Experten die inzwischen verschütteten Grabkammern wieder auf Vordermann brachten, machten sie eine erstaunliche Entdeckung, die man heute besichtigen kann.

Nehren, Römergräber, rechte Grabkammer

Die rechte Grabkammer ist nicht mehr intakt.

Von Nehren führt die K 22 bergauf zu der antiken Familiengruft über der Weinlage Römerberg. Vom Parkplatz sind es nur noch ein paar Schritte bis zur Grabanlage. Zwar wurden die beiden Tempel mit Säulenvorhalle und Cella rekonstruiert. Doch die beiden Grabkammern darunter stammen original aus dem dritten bis vierten Jahrhundert nach Christus.

Von der rechten blieb nicht allzu viel zurück, lediglich Reste von Sarkophagen wurde gefunden. Weil darunter der Steindeckel eines Kindersarges war, geht man davon aus, dass in Nehrens Römergräbern eine Familie ihre letzte Ruhe fand. Die linke Grabkammer ist jedoch außergewöhnlich gut erhalten. Und zwar nicht nur der antiken Raum an sich, sondern auch die Bemalung der Wände. Das ist einzigartig in der Region.

Einzigartige Gewölbemalerei der Römer

In die Grabkammer hinabsteigen kann man nicht. Sie bleibt dicht, um sie vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen. Doch es gibt ein Guckloch in der schweren Grabkammertür. Öffnet man die kleine Schiebeklappe, bringt ein Automatismus Licht ins Dunkel: Grünes Blattwerk, Schleifen, Medaillons und Bänder sind erkennbar. Florale Muster schmücken die Ecken des Gewölbes.

Mit Ocker, Schwarz, grüner, gelber und roter Farbe haben Römer die Wände dieses Liegeplatz für die Ewigkeit verziert. Diese besterhaltene Gewölbemalerei ist ein echter Glücksfall für Archäologen.

Nehren, Römergräber, linke Grabkammer

Durch ein kleines Fenster kann man die Gewölbemalerei sehen.

Wer wurde dort im Weinberg über Nehren bestattet? Es muss eine wohlhabende Familie gewesen sein, denn Gräber in exponierter Lage galten bei den Römern als kostspielige Statussymbole. Doch womit die Verstorbenen ihr Geld verdient haben, wissen die Wissenschaftler nicht sicher. Vielleicht waren sie die Eigentümer eines großen Gutshofes, der oberhalb des heutigen Ortskerns von Nehren lag? Wein wurde jedenfalls im Ort angebaut, davon zeugen Überbleibsel wie der Stein einer römischen Kelter.

Beste Aussicht vom Römergrab

Tatsächlich gibt es solche Luxus-Gräber von Weingutsbesitzern an mehreren Plätzen an der Mosel. Etwa das Grutenhäuschen bei Igel oder der gallo-römische Grabtempel im luxemburgischen Weindorf Bech-Kleinmacher. Ihnen allen ist gemein: Die Aussicht ins Moseltal könnte von dort kaum schöner sein.

Von den Römergräbern in Nehren hat man einen großartigen Blick bis auf das Naturschutzgebiet Taubengrün und den Hochkessel, den höchsten Berg der Umgebung. Damit auch quicklebendige Reisende das Panorama bequem genießen können, wurde vor den Grabtempeln eine Bank aufgestellt. Allein die Aussicht von diesem Platz lohnt den Aufstieg zum Totenreich.